Antisemitismus vor 1945 in Polen

In den Jahren um 1848 hatten sich die Juden Kongresspolens erneut als „glühende Patrioten“ gezeigt und für Polens Befreiung gekämpft, von der sie sich auch ihre Gleichstellung erhofften. 1862 kam es in Warschau nach gemeinsamen Aufständen gegen die russische Herrschaft zu Verbrüderungen von Christen und Juden, die ihre Gefallenen gemeinsam bestatteten. Der Marquis Aleksander Wielopolski verbesserte daraufhin ihre Rechtslage: Sie durften Immobilien erwerben, wurden als Zeugen vor Gericht zugelassen und mussten keine Sondersteuern mehr zahlen. Doch nach dem Scheitern des polnischen Aufstands 1864 war den Juden Polens die Perspektive der Emanzipation verstellt, während das Wohlstandsgefälle weiter bestand. Nun gewann allmählich eine Ablehnung der Juden an Boden, da diese die Assimilation offenbar verweigerten und sich aufgrund ihrer religiösen Gebräuche beharrlich absonderten.

Auf die russischen Pogrome von 1881 reagierte das polnische Bürgertum überwiegend empört und schloss ähnliche Gewaltakte für Polen aus. Doch schon am 25. Dezember jenes Jahres kam es in Warschau zu einer tagelangen Plünderung des Judenviertels, nachdem bei einer Massenpanik in einer katholischen Kirche 28 Menschen zu Tode kamen und ein Gerücht Juden dafür verantwortlich machte. Nun schrieb die Warschauer Prawda:

"Das polnische Volk hasst die Juden aus religiösen und Rassengefühlen."

Dieser Hass traf vermehrt Juden, die damals ohne Kenntnis polnischer Kultur aus Russland flohen und die wirtschaftliche Konkurrenzsituation zu den ebenfalls unterdrückten Polen verschärften. Das löste auch bei liberalen Intellektuellen häufige Sorgen vor „Überfremdung“ aus.

Mit Jan Jelenski begann ab 1877 auch in Polen eine antisemitische Publikation. 1887 gründete sich im Schweizer Exil die Liga Narodowa (nationale Liga) als Geheimbund gegen die russische Fremdherrschaft. Daraus ging 1897 die Partei Narodowa Demokracja (nationale Demokratie) hervor. Sie suchte bald sozialen und ökonomischen Fortschritt durch Kompromisse mit den Russen auf Kosten der polnischen Juden und Deutschen zu erreichen. Ihr führender Ideologe, Roman Dmowski, schrieb 1903:

"Ein nationaler Organismus darf nur das aufsaugen, was er sich zu eigen machen und in eine Vermehrung des Wachstums und der Stärke des Gesamtkörpers umsetzen kann. Ein solches Element sind die Juden nicht… die Aufsaugung einer größeren Menge dieses Elements [würde] uns verderben […], durch Elemente des Zerfalls jene jungen schöpferischen Keimzellen ersetzen […], auf welchen wir unsere Zukunft bauen."

Die nationale Intoleranz sei Folge des Duldens der Juden, da diese unfähig zur Integration seien. Diese Motive des völkischen Antisemitismus griffen nun in Polen wie in Deutschland 20 Jahre zuvor um sich.
Polnische Ausgabe des Protokolls der Weisen von Zion

Bei den polnischen Bauern waren neben nationalen alte religiöse Motive für neuen Judenhass wirksam. Besonders in Posen und Galizien stachelte sie meist der katholische Klerus, die Dorfpriester, gegen die Juden auf. Man denunzierte sie nach ersten Streikwellen und der Russischen Revolution 1905 als heimliche Drahtzieher des sozialrevolutionären Umsturzes. 1911 schrieb z. B. die Lemberger Gazeta Niedzielna (Wochenzeitung):

"Das sollt ihr nicht erleben, ihr Herren Juden. Nur eines werden wir euch erleichtern, […] dass ihr so schnell wie möglich euch aus unserem Lande begebt. Wer mit uns bleiben will, der nehme unseren Glauben an und werde Pole…"

So bildeten Katholizismus und Nationalismus auf dem Land weithin eine antijudaistische, antidemokratische und antisozialistische Einheit.

Auf jüdischer Seite verstärkte dies die Bindung an eigene Tradition und Religion, Hinwendung zum Zionismus und zum proletarischen Sozialismus. Viele Juden lehnten bis 1914 ein unabhängiges Polen ab, weil dieser Nationalstaat ihnen nur größeren Assimilationsdruck versprach. Als Polen 1918 unabhängig wurde, änderte sich dies rasch: Die Zionisten bildeten einen „Nationalrat“, der als Partei für den Sejm (das polnische Parlament) kandidierte und dort die Gleichberechtigung aller Juden Polens – etwa zwei Millionen – forderte. Diese wurde 1930 realisiert.

Doch seit dem Krieg mit der jungen Sowjetunion 1920 wuchs in Polen der offene Antisemitismus. Polens Bischöfe veröffentlichten einen Hilferuf an die Katholiken in aller Welt, in dem sie das Judentum mit dem Bolschewismus gleichsetzten:

"Das wahre Ziel des Bolschewismus ist die Welteroberung. Die Rasse, welche die Führung des Bolschewismus in ihren Händen hat, hat schon in der Vergangenheit die Welt mittels des Goldes und der Banken unterworfen, und jetzt, getrieben durch die immerwährende imperialistische Gier, die in ihren Adern pocht, zielt sie schon auf die endgültige Unterwerfung der Nationen unter das Joch ihrer Herrschaft… Bolschewismus ist in Wahrheit die Verkörperung und Fleischwerdung des Antichrist auf Erden."

Der antisemitische Priester und Parlamentarier Kazimierz Lutoslawski denunzierte die Juden als Werkzeuge der Russifizierung und Germanisierung und lastete ihnen die Demoralisierung des Volkes, seiner Arbeitskraft, Entchristlichung der Kultur, kurz: die „Vergiftung der Volksseele“ Polens an.

Auf dem Hintergrund dieser verbreiteten, vom katholischen Klerus und nationalkonservativen Parteien gestützten und propagierten antisemitischen Stereotypen wurden Juden von Polen während der deutschen Besetzung dann kaum verteidigt und z. B. 1941 in Jedwabne von der Dorfbevölkerung ermordet. Bereits im Herbst 1946 kam es in Polen erneut zu Pogromen an Juden, die den Holocaust überlebt hatten.
 
-.png


Warning: include(/kunden/87023_46045/cms/modules/mod_custom.php) [function.include]: failed to open stream: No such file or directory in /kunden/87023_46045/cms/includes/frontend.html.php on line 315

Warning: include() [function.include]: Failed opening '/kunden/87023_46045/cms/modules/mod_custom.php' for inclusion (include_path='.:/usr/local/lib/php') in /kunden/87023_46045/cms/includes/frontend.html.php on line 315

Warning: include(/kunden/87023_46045/cms/modules/mod_exmenu-j15.php) [function.include]: failed to open stream: No such file or directory in /kunden/87023_46045/cms/includes/frontend.html.php on line 315

Warning: include() [function.include]: Failed opening '/kunden/87023_46045/cms/modules/mod_exmenu-j15.php' for inclusion (include_path='.:/usr/local/lib/php') in /kunden/87023_46045/cms/includes/frontend.html.php on line 315

 


© Dezember 2019 Maschiach.de // Roman Gorbachov // Blog // Umsetzung // Datenschutzerklärung // Impressum