Der Messias und die messianische Zeit (4.)

Der im vorigen Kapitel dargestellte Gedanke der Erlösung ist derart Mittelpunkt des Christentums, dass es selbst die vom Judentum übernommene Messiasidee gänzlich in den Dienst der Erlösung von der Sünde gestellt hat. Die Lehre vom Messias hat im Judentum mannigfache Wandlungen durchlebt. Aber durch alle Wandlungen zieht sich die eine große Hoffnung: Mit dem Messias werde eine Zeit kommen, in der Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Frieden auf Erden herrschen werden, und das Ringen der Menschen untereinander nicht um politische Macht und Herrschaft gehen, sondern sich in dem Eifer um die Förderung wahrhafter Kultur betätigen wird.

So ist es ausgesprochen in dem wunderbaren 11. Kapitel des Jesaja und in den klassischen Versen: „Sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebmessern, nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu fuhren" (Jesaja 2,4). Ganz und gar sozial ist diese jüdische Messiasidee, an ihr hat sich der Begriff der Menschheit herausgebildet, sie gipfelt in der gläubigen Gewissheit einer neuen, einigen Menschheit. Das Christentum hat nun daran eine folgenschwere Umprägung vorgenommen und den Messias in unauflösliche Verbindung mit der Sündenvergebung gesetzt. Es macht aus dem Messias jene einzige Persönlichkeit, die dem Menschen Erlösung von der Macht der Sünde bringt. Im Rahmen der jüdischen Anschauung ist für diesen Gedanken kein Platz. Im Gegenteil: Nicht nur, dass der Messias nicht die Vergebung der Sünde bewirkt, sein Erscheinen gilt überhaupt erst als denkbar, wenn die Menschen aus ihrer Kraft den Weg zu einem anderen Tun beschritten haben. So heißt es z. B. im Talmud (Sanhedrin 97b): „Rab sagte: Verstrichen sind alle Zeiten [an denen man den Messias erwartete], und alles hängt jetzt ab von der Busse und den guten Werken“, und ferner: „R. Chanina sagte: Der Sohn Davids wird erst dann kommen, wenn alle Dünkelhaften aus Israel verschwunden sein werden“.

Mit diesen Gedanken, die das Eintreffen der messianischen Zeit auf die sittliche Arbeit der Menschen gründen, kam in die ganze jüdische Auffassung von der messianischen Zeit ein neues Motiv. Galt die durch das Erscheinen des Messias herbeigeführte Veränderung ursprünglich als ein göttliches Wunder, so wächst nun daneben mit immer stärkerer Gewalt der Glaube empor, dass zu dem Endziel die Kraft der Menschen selbst notwendig und dass die messianische Zeit eine von ihnen zu lösende Aufgabe sei. Dadurch tritt die Hoffnung auf diese Zeit so sieghaft in den Vordergrund, dass die Person des Messias in den Hintergrund rückte: die Idee siegte über die Persönlichkeit.

Im Anfang war noch der Messias als eine unentbehrliche Figur gedacht, sein Erscheinen und Wirken wurde im Denken und Träumen des Volkes mit phantastischen Farben ausgemalt, aber im Grunde genommen war die Persönlichkeit des Messias so locker mit der Zukunftshoffnung verknüpft, dass alle die Vorstellungen, mit denen die schöpferische Volksphantasie das Erscheinen des Messias ausschmückte, niemals irgendeine verbindliche Geltung fanden, und Joseph Albo (Anfang des 15. Jahrhunderts) schon wagen durfte, den Glauben an die Person des Messias als nicht zum Dogma des Judentums gehörig zu bezeichnen. Es kam schließlich dazu, dass sowohl für diejenigen, die an das Erscheinen des Messias glauben, wie für die, die an sein Erscheinen nicht glauben, das Schwergewicht auf die messianische Zeit gelegt wurde.

Das gesamte religiöse Bewusstsein der Judenheit richtet sich in diesem Punkte auf den Glauben, dass die unausgesetzte Arbeit der Menschheit an sich selbst zu jener besseren Zeit führen werde, in der die  Tugenden der Gerechtigkeit und der Liebe eine allgemeine Ausbreitung erfahren werden und die Erkenntnis Gottes so voll und tief sein wird „wie Wasser den Meeresgrund bedecken“. Demgegenüber bleibt im Christentum alles auf die Persönlichkeit Christi gestellt. Selbst da, wo man alle Vorstellungen von der Gottheit Christi und alle anderen dogmatischen Aussagen über Bord geworfen hat und, der jüdischen Anschauung folgend, messianisches Leben als eine Aufgabe fasste, deren Lösung noch aussteht, bleibt die Person des Messias im Mittelpunkt.

Nicht die Idee leitet, sondern die Persönlichkeit, die als die einzige bisher in der Weltgeschichte erlebte Verkörperung der Frömmigkeit gedacht wird.

Die jüdische Messiasidee ist ausschließlich auf die Zukunft gerichtet. In allen Stufen ihrer Entwicklung blieb sie die Verkörperung des Gedankens, dass es einen Stillstand in der sittlichen Entwicklung nicht gibt, dass jede Lösung neue Aufgaben in sich birgt, neue Anspannungen des Willens, neue Umschaffungen der Menschheit. So ist die messianische Hoffnung bis auf den heutigen Tag ein Ausblick in ungeahnte Fernen, die Überzeugung, dass es für die Menschheit kein Ausruhen gibt sondern nur eine ewige Bewegung. Die christliche Messiasidee dagegen will dem Menschen vor allem die Ruhe und den Frieden der Erlösungsgewissheit bringen. Selbst dort, wo sie ebenfalls die Richtung auf die Zukunft einschlägt, bleibt doch die ständige Rückschau auf den einen Moment der Vergangenheit, in dem Christus lebte.

Die Arbeit an der Zukunft ist dann die Arbeit, die Höhe wiederzugewinnen, die einmal bereits in einer Person erreicht worden sei. „Es wird ein Augenblick der Weltgeschichte herausgegriffen, in dem das Heil in einer Persönlichkeit seine Höhe und Fülle gewonnen habensoll; dieser Augenblick gilt als der Zielpunkt der ganzen vorhergehenden Weltgeschichte, mit dem in gewissem Sinne der Abschluss erfolgt sei, das .religiöse Leben habe nun seine unabänderlichen Normen für alle Ewigkeit erhalten, die Weltgeschichte habe nun nichts weiter zu tun, als das Christentum in der Welt einzubilden“ (Abr. Geiger).

Das Auseinanderstreben der jüdischen und der christlichen Messiasidee geht letzten Endes zurück auf den uns nunmehr schon bekannten Gegensatz der Grundanschauung beider Religionen. Das Judentum hat die Überzeugung von der sittlichen Kraft des Menschen. Die jüdische Messiasidee wird infolgedessen getragen von dem Glauben, dass die unausgesetzte Arbeit der Menschheit an sich selbst die seelische Beschaffenheit des Menschen immer mehr emporsteigere.

Die christliche Messiasidee kann diesen Weg in solcher Geschlossenheit nicht gehen, sie käme alsbald in Widerstreit mit der durch das ganze Christentum hindurchgehenden Anschauung von der sittlichen Unzulänglichkeit des Menschen, der Erbsünde. Denn da diese in jedem Geschlecht sich erneut, so bleibt auch der Mensch spätester Zukunft noch genauso unter der Herrschaft der Sünde, wie er es in grauer Vorzeit war, und wird der Erlösung bedürftig sein.

 
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„Judenmission, in welchem Gewand auch immer sie daherkommt, lehnen wir ab, ohne Wenn und Aber, aus exegetisch-theologischen Gründen eben so wie aus historischen und moralischen. Der Versuch von Heiden(christen), das Volk Gottes zu missionieren, ist ein aberwitziges Unterfangen, das in den kanonischen Schriften der Kirche keinerlei Rechtfertigung hat. Das Judentum ist keine defizitäre Religion; es ist dies heute ebenso wenig, wie es dies je war. Jüdisches Selbstverständnis lebt von der gottgeschenkten Heilsgewissheit, ›dass ganz Israel an der zukünftigen Welt Anteil hat‹ (Mischna, Traktat Sanhedrin, Kapitel 10). Nur menschliche Hybris kann diese Heilsgewissheit bestreiten. [...] Juden und Christen sind je auf ihre Weise zu Zeugen des Einen Gottes ›in unserer Welt berufen‹. Wenn Christen dieses Zeugnis mit den Psalmen der hebräischen Bibel ablegen, rezitieren sie keine ›getauften Psalmen‹, sondern stimmen ein in das Gotteslob Israels, in das Bekenntnis zu dem Einen Gott.“

Tübinger Theologieprofessoren Bernd Janowski, Hermann Lichtenberger und Stefan Schreiner
 

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