Jesaja 53 - Der leidende Gottesknecht

Missionare verwenden oft das 53. Kapites des Buches Jesaja, um zu belegen, dass Jesus von den Propheten angekündigt wurde. Jesaja 53 ist für Missionare so wichtig, dass die Juden für Jesus, sogar T-Shirts mit einem entsprechenden Aufdruck drucken liessen und Traktate in verschiedensten Formen erstellen, die sich mit diesem Kapitel beschäftigen. Wie für alle Bibelstellen und Prophezeihungen, die von den Missionaren verwendet werden, so gibt es auch für dieses Kapitel eine einleuchtende jüdische Erklärung.

Das Buch des Propheten Jesaja, das Kapitel 53, die Gottesknechtlieder und die Übersetzungen


Verschiedene evangelikale Gruppen, so z.B. die Juden für Jesus verwenden fragwürdige übersetzungen der Bibel und vor allem des Buches Jesaja. Diese übersetzungen basieren meist auf der Septuaginta, einer griechischen übersetzung des "Alten Testaments". Sie behaupten, dass diese griechische übersetzung von 70 Rabbinern erfolgt ist und demnach sehr genau wäre. Dies ist nicht richtig, die 70 Rabbiner haben das Buch Jesaja nicht übersetzt, sondern nur das "Pentateuch", die fünf Bücher Moses. Die Einleitung zur englischen Ausgabe des Septuagint sagt folgendes bezüglich der übersetzung: "Das Pentateuch wird als der am besten übersetzte Teil angesehen, während das Buch Jesaja das am schlechtesten übersetzte Buch zu sein scheint."

In den russischen übersetzungen der Bibel sind besonders in den Gottesknechtliedern einige unscheinbare Details eingearbeitet worden. So sind scheinbar die vor Kapitel 53 angeführten Gottesknächte wirklich "Jakob" oder "Israel". Dies ist jedoch mit dem Original nicht belegbar und die entsprechenden Stellen sind deswegen in seriösen übersetzungen höchstens in eckige Klammern gesetzt.

Alle, vor allem christliche Bibelübersetzungen haben außerdem gemeinsam, dass das 53. Kapitel schon bei 52,13 beginnt, dies ist deutlich im hebräischen Original zu erkennen. Bei der Erstellung der christlichen Bibel ist den Erstellern bewusst oder unbewusst ein Fehler unterlaufen. Jüdische Tanach-übersetzungen, halten sich oft an diese falsche, jedoch allgemein gültige, christliche Anordnung.

Das Kapitel finden Sie auf folgender Seite: Jesaja 52,13-53,12


Einleitende Aussagen

Bevor wir mit der Auslegung beginnen ist es ratsam sich einige Fakten bewusst zu machen. Wir leben in einer christlichen Welt, uns umgeben christliche Deutungen und Auslegungen die uns stark beeinflussen. Wir alle kennen die Geschichte, den Leidensweg Jesu und dieses Wissen prägt uns, dies ist eine Tatsache. Würde man uns eine bestimmte Bibelstelle vorlegen, so wie dies Missionare mit Jesaja 53 machen, so müsstem wir ohne eine genaue Untersuchung des Textes gestehe, dass es sich wirklich um Jesus handelt. Dies ist das Resultat unserer christlichen Prägung.

Für eine akurate Auslegung ist es notwendig sich von diesen Prägungen und Eindrücken zu lösen, andernfalls ist eine korrekte Auslegung nicht möglich. Die Wissenschaft, die sich mit der Bibelauslegung beschäftigt nennt man "Biblische Hermeneutik".

Ein einfaches Beispiel. Nehmen wir an sie finden einen Zeugen, der gesehen hat, dass Jesus gekreuzigt wurde. Wenn er es wirklich gesehen hat, dann kann angenommen werden, dass dieses Ereignis tatsächlich eingetroffen ist. Die damit einhergehende Aussage, dass Jesus so die Sünden der Welt auf sich genommen hätte ist aber kein Fakt, sondern eine Deutung, die uns die christliche Welt mitgibt und die sich so im "Neuen Testament" wiederfindet. Das Neue Testament selbst zeigt uns auf, dass die Aposteln nicht daran geglaubt hatten, dass der Messias den Leidensweg des "Gottesknechtes" aus Jesaja 53 durchmachen müsste. Dies geschieht  in Matthäus 16, 16 etwa, als Peturs in Jesus den Messias zu erkennen glaubt, ihm jedoch sagt, dass er den Tod nicht erfahren muss (Matthäus 16, 21) oder in Markus 9,31-32, als die Apostel nicht verstanden, warum er sterben müsse oder Markus 16,10-11, als sie nicht glaubten, dass Jesus auferstanden sein könnte.

Sogar Jesus selbst sah Jesaja 53 als nicht messianisch an, warum sonst hätte er die Juden in Johannes 8,39-47 als Söhne des Teufels bezeichnen sollen, wenn doch gerade sein Tod die Erlösung brächte? Er hätte sich selbst in den Weg gestellt, wie auch bei seiner Forderung: "Abba, Vater! Alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir!" aus Markus 14,36.

Letztendlich, auch wenn wir die christliche Auslegung wirklich auf den Messias beziehen würden, wo finden wir die Aussage, dass wir an diesen Messias glauben oder ihn gar anbeten müssten, damit er die Schuld von uns nimmt? Dies findet sich weder in Jesaja 53, noch in irgend einem anderen jüdischen Text.








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Ignaz Maybaum, einer der führenden jüdischen Theologen des 20. Jahrhunderts, stellte folgende These auf: Der Holocaust sei die ultimative Form der stellvertretenden Versöhnung. Das jüdische Volk ist tatsächlich der "leidende Knecht" des Jesaja geworden, es leidet für die Sünden der Welt. Maybaum schreibt: "In Auschwitz litten die Juden stellvertretend für die Sünden der Menschheit." [1] »Er«, der leidende Knecht, ist der Stellvertreter des Volkes Israel, und die Wendung »unsere Missetaten« bezieht sich ebenfalls auf das Volk Israel. »Er«, der Gerechte, leidet an »unseren übertretungen«, den Sünden der Welt. Gottes unschuldiger Knecht leidet mit den Schuldigen.

Die Reform Synagogues of Great Britain verwenden diesen Text in ihrer Liturgie. Er befindet sich unter den Gebeten für Jom Kippur, wo er mit den Worten eingeleitet wird: »Wir erinnern uns an den unbekannten Gottesknecht, dessen Schicksal an das Schicksal unseres Volkes erinnert.«


Moderne christliche Auslegung

Die modernen christlichen Exegeten sind sich mittlerweile fast ausnahmslos einig, dass es sich bei den "Knecht Jahwä-Liturgien" um das Volk Israel an sich oder jedoch um eine bestimmte Person oder Gruppe dieses Volkes handelt. [4]

"Der Gottesknecht ist demnach das vorfindliche oder das ideale Israel oder eine wesentliche Teilgruppe (die Exilsgemeinde). Liest man Deuterojesaia im Zusammenhang, bietet sich diese Ansicht wie von selbst an. Denn Israel wird an anderen Stellen ausdrücklich 'äbäd genannt, und zudem häufig wie eine Einzelperson singularisch angesprochen.

Kollektive Deutung: Stellvertretung im Rahmen alttestamentlicher Sühne ist meistens im Kollektiv wirksam, nie aber exklusiv und einmalig gedacht. Haben Christen das Recht, das »Ein-für-allemal« des Todes Jesu so zu pressen, daß hinfort ausgeschlossen ist, daß andere das Leiden Christi »vollmachen« (Kol 1,24). Christen wie Nicht-Christen und erst recht Juden? Das Leiden und die Stellvertretung des Gottesknechtes sind Jes 53 gewiß nicht exklusiv verstanden. (Vielleicht sollten auch wir Christen lernen, die in Christus gerühmte Stellvertretung inklusiv zu verstehen, so daß sie nicht aus-, sondern einschließt alles Geschehen, wo unschuldige Menschen durch andere gewaltsam zu Tode gebracht werden.)"

Diese christliche Sichtweise wird von evangelikalen Gruppen zurückgewiesen, da hier da durch die Anerkennung der "Gottesknechtschaft Israels" jedes Fundament für eine Missionstätigkeit der Gruppen entzogen wird, sprich man peilt lieber einen Konfrontationskurs mit eigenen Theologen an, als bei der Missionsbemühungen eine Niederlage einzufahren.


Versuch der Widerlegung der jüdischen Sicht

Evangelikale Gruppen verteidigen ihre Auslegungsmethoden und werfen den Juden vor, Vorwände zu suchen, um die christliche Deutung des Jesaja 53 auf Jesus nicht anzuerkennen. Dabei konfrontieren sie meist Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten mit haltlosen Behauptungen, in dem Wissen dass diese Menschen keine fundierten theologische Kenntinisse erwerben konnten.

Ablehnung der Kollektivdeutung
 

Juden für Jesus behaupten, der in Jesja 53 angeführte leidende Gottesknecht kann nicht das jüdische Volk selbst sein. Sie stellen die Frage auf: "Glauben Sie wirklich, dass Gott die Nazis so geliebt hat, dass er die Juden dem Tod preisgegeben hätte?"

Zunächst einmal glauben die Juden nicht, dass Gott für den Holocaust verantwortlich war oder diesen herbei gewünscht hätte. [2]

Wenn aber Christen Argumentieren, Gott hätte seinen eigenen Sohn hingegeben, um für unsere Sünden zu sühnen, dann müssen Sie akzeptieren, dass die Juden (als erstgeborener Sohn (2. Mose 4,22)) diese Rolle hätten tragen können.

Andere wiederum behaupten Gott hätte es niemals zugelassen, dass ein Gerechter mit den Sündern umkommen würde. Jesaja zeigt in diesem Text aber deutlich, dass er die Geschichte im Buch Genesis über die Zerstörung von Sodom und Gomorra kennt und über Abraham, der fragte: »Wirst du wohl den Gerechten mit dem Bösewicht hinrichten?« (Gen. 18,23). Der Ausgang der Geschichte ist hinlänglich bekannt.


Das Buch des Propheten Jesaja in den rabbinischen Lehren
 

Häufig wird auch das Argument vorgebracht, dass die Rabbiner versuchen würden das Buch Jesaja generell und das Kapitel 53 speziell aus den Synagogen fern zu halten, da sie sonst Jesus als eben diesen "leidenden Gottesknecht" anerkennen müssten. Zunächsteinmal hat sich das Juden niemals davor gescheut einen offenen Konflikt mit Schriftauslegern anzugehen, seien es nun jüdische, islamische oder christliche Gelehrte. Am umfangreichsten hat sich vermutlich Raschi [3] mit den christlichen Auslegungen beschäftigt, seine Kommentare zu den heiligen Schriften und auch zu vielen strittigen Punkten im "Jüdisch-Christlichen Dialog"werden in der jüdischen Welt hoch geschätzt und finden auch in den Synagogen Verwendung. Das Buch des Propheten Jesaja ist Teil der klassischen Haftara, der Prophetenlesung. Jesaja 53 befindet sich bei den Gebeten für Jom Kipur, etwa der Reform Synagogues of Great Britain [6].

Und selbst während der Rabbiner-Ausbildung beschäftigt man sich ganz selbstverständlich mit den Argumenten der christlichen Kirche und derer Schriften. Vertuscht, verschwiegen oder ferngehalten wird in den Synagogen also nichts, im Gegenteil.



Fussnoten



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"Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm "Schulter an Schulter dienen" (Soph 3,9).

Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen."

Zweites Vatikanische Konzil, Nostra Aetate

 
Agadat Bereschit c. 31

"Stumpfsinnig sind die, welche die Unwahrheit sprechen, indem sie sagen, Gott habe einen Sohn und lasse ihn töten. Wenn Gott es nicht mit ansehen konnte, dass Abraham seinen Sohn opferte ... hätte er seinen eigenen Sohn töten lassen, ohne die ganze Welt zu zerstören und sie zum Chaos zu machen? Darauf bezieht sich das Wort Salomos von dem "Einen ohne Zweiten, der keinen Sohn und keinen Bruder hat" (Kohelet 4,8).
 
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