Die Flinte schießt, der Säbel haut

von Rudolf Lavant (1844 - 1915)
Es sprach das große Wort gelassen
Und kühl der Herr Minister aus,
Und dennoch fand es auf die Gassen
Der Kaiserstadt den Weg hinaus.
Es schwieg das Lärmen und das Summen
Für Augenblicke; klar und laut
Klangs durch das plötzliche Verstummen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"
Und weiter wehten es die Lüfte,
Das treffliche Ministerwort,
Und trugen's über Berg und Klüfte
In alle deutschen Gaue fort.
Es summt, die Arme rührend, leise
Der Arbeit Volk, vor dem dir graut,
Nach einer selbstgeschaffnen Weise:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Das war ein Wort, so ernst und ehrlich,
Ein Wort aus tiefstem Herzensgrund,
Wie wir's bis diese Stunde schwerlich
Vernommen aus Ministermund.
Nimm unsern Dank! Ja, du bist offen!
Nun weiß man doch, worauf ihr baut,
Nun weiß man doch, was euer Hoffen!
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Es scheint, daß von Gesetzestiteln
Und von dem vielerprobten „Recht",
Daß ihr von euren i n n e r n Mitteln
Euch herzlich wenig nur versprecht.
Es scheint, daß man im Rat der Weisen
Nur äußern Mitteln noch vertraut,
Der Pferdekur mit Blut und Eisen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Ich geb es zu, es ist verdrießlich,
Wenn man sich plagt ein volles Jahr
Und wenn der Liebe Mühen schließlich
So ganz und gar verloren war.
Und schießt die Saat, die man zerschlagen,
Nur immer üppiger ins Kraut,
So mag man wohl sich knirschend sagen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Ihr seht in Schwaben wie in Sachsen
Und in der zähen Holsten Land
Die Schar der kecken Dränger wachsen,
Ja selbst im Brandenburger Sand;
Und wenn ihr so, verzagt, beklommen
Und ratlos an den Federn kaut,
Mag wohl euch der Gedanke kommen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut."


Ihr kerkert ein, ihr laßt bestrafen,
Ihr übertrefft euch selber fast,
Ihr dreht und biegt die Paragraphen -
Und dennoch keine Ruh und Rast.
Die Massen aufgewühlt im Grunde
Soweit der liebe Himmel blaut -
Da zischt's denn aus gekniff'nem Munde:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut."


Es ist im weiten deutschen Reiche
Vielleicht so manchem viel zu still
-Warum das Volk, das hungerbleiche,
Nur gar nicht revoltieren will?
Der Kessel hat in frühern Tagen
Ja auch gebrodelt und gebraut,
Und wir, wir würden gerne sagen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut."


Wie schade doch, daß die Patronen
Im Magazin so müßig ruhn!
Die hübschen schlanken blauen Bohnen,
Sie würden sicher Wunder tun;
Das ist die grundsolide Speise
Die jeder Magen schwer verdaut -
Dann würde wahr das Wort, das weise:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Man übte so in wenig Tagen
Die jungen Krieger praktisch ein,
Und die sich früher schon geschlagen,
Sie blieben in der übung fein.
Das Volk wird ewig radotieren,
Bis Blut das Pflaster rot betaut;
Und m u ß es nicht die Schlacht verlieren?
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"


Gemach, ihr Herrn! So mag's euch scheinen,
Doch wer gibt Siegel euch und Brief?
Man hat Exempel, sollt ich meinen,
Zuweilen geht die Sache schief.
Habt ihr denn ganz und gar vergessen,
Was eure Kaiserstadt geschaut,
Daß ihr nun ruft so stolz-vermessen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"?


Habt ihr vergessen, wie die Masse
Vors Schloßportal die Toten trug,
Und wie das arme Volk der Gasse
Des Königs schmucke Garden schlug?
Wie es verstand, die Faust zu ballen,
Und wie den Prinzen es vertrieb
In seines Zornes überwallen?
Die Flinte schoß, der Säbel hieb.


Und weil, wie groß auch ihre Leiden,
Nicht an Gewalt die Masse denkt,
Und weil, wenn Waffen erst entscheiden,
Vielleicht sich ihre Schale senkt,
Drum streutest du des Hasses Samen
Mit jenem Worte herzlos-laut,
Das fürder klebt an deinem Namen:
„Die Flinte schießt, der Säbel haut!"



In: Die neue Welt -- Nr. 10, 1876

Anonym erschienen. Die Autorschaft Lavants bestätigt der Nachruf in LVZ vom 13. 12. 1915: „Wer erinnert sich nicht noch heute gern, wie er dem Minister Eulenburg an seine Drohung im Reichstag diente mit dem Gedicht: Die Flinte schießt, der Säbel haut!" Vor Abdruck der Verse in DNW steht folgende Notiz: „Graf Eulenburg, Bevollmächtigter zum deutschen Bundesrat und preußischer Minister des Innern, in seiner famosen Rede gegen die Sozialdemokraten (f. § 130 der Strafgesetznovelle, am 27. Januar d. J.): Sie sind in der Majorität nicht meiner Meinung, meine Herren (und verwerfen Sie den § 130), so ist damit noch nicht festgestellt, daß Sie ein richtigeres Urteil haben als ich; aber ich muß mich dann bescheiden, daß wir vor der Hand nicht anders können, als uns mit dem schwachen Gesetzesparagraphen (dem § 130 in seiner jetzigen sauberen Gestalt!) so lange zu behelfen, bis die Flinte schießt und der Säbel haut."


Ebenfalls abgedruckt in: Lavant, Rudolf (d. i. Richard Cramer): Gedichte. Hrsg. v. Hans Uhlig. Berlin, Akademie Verlag 1965.

 
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