von Rudolf Lavant (1844 - 1915) - Wir fordern nicht bloß den Achtstundentag ,
- der kommen wird, wann er auch kommen mag,
- Ob willig nun, ob murrend nur beschieden:
- Von Millionen rollt am Ersten Mai
- empor zum Himmel der Erlösungsschrei
- nach Völkerfreiheit und nach Völkerfrieden.
- Ein Bild des Wahnsinns bietet sich uns jetzt:
- Ein Volk aufs andere rücksichtslos gehetzt,
- Erdteil auf Erdteil, Rasse wider Rasse.
- Vergessen ist, was einigt und versöhnt,
- und an der Wende des Jahrhunderts frönt
- der Herrschsucht man, der Habgier und dem Hasse.
- Und dabei rufen sie - es klingt wie Spott! -
- Allah und Wischnu und den Christengott
- inbrünstig an mit jedem Tag der Weihe,
- dass er entsende seiner Engel Schwarm,
- dass er den starken, den Zerschmettrerarm
- dem blutgen Siege und der Plündrung leihe!
- Solang sich diesem grauenhaften Bann
- die Menschheit nicht entschwinden will noch kann,
- sind wir ein Haufe von Verbrechergilden,
- von zügellosen Räuberbanden nur;
- wir haben keinen Anspruch auf Kultur,
- und besser sind und höher stehn die Wilden.
- So kanns nicht bleiben, doch von wannen kommt
- die Hilfe einst, die Rettung, die uns frommt,
- wer bricht den Bann der Habgier und des Bösen?
- Das Volk allein, das alle Opfer bringt,
- das Volk allein, das blutet, darbt und ringt,
- wird von dem finster Unsinn uns erlösen.
- Wenn erst das Volk, das ihr so lange zwangt,
- zum Vollbewußtsein seiner Kraft gelangt
- und seiner Sendung - wer will widerstehen?
- Laut wird die Tiefe, die so lange schwieg,
- wir aber wollen diesen Zukunftssieg
- im voraus schon am Ersten Mai begehen!
In: Der Wahre Jacob -- Nr. 307, 1898
Quelle: Der wahre Jacob: Lyrik und Prosa 1884 - 1905. Ausgewählt und eingeleitet von Manfred Häckel. -- Berlin: Rütten & Loening, 1959. S. 110.
Ebenfalls abgedruckt in: Lavant, Rudolf (d. i. Richard Cramer): Gedichte. Hrsg. v. Hans Uhlig. Berlin, Akademie Verlag 1965. |