Chemnitzer Jüdische Gemeinde im Konflikt mit messianischen Juden

Jüdische Gemeinde Chemnitz im Konflikt mit Messianischen Juden Ein religiös-politischer Konflikt im Chemnitz dieser Tage begann auch mit dem Trauma eines kleinen Mädchens in der Ukraine der fünfziger Jahre. Das Kind verlor seine Mutter und damit die einzige Verbindung zur jüdischen Herkunft, zu seinen religiösen Wurzeln. Die Stiefmutter brachte die Kleine in die orthodoxe Kirche. Jetzt, nach über einem halben Jahrhundert, ist Mila Tsilija-Podolska fast 60 Jahre alt und davon überzeugt, ihre jüdischen Wurzeln wieder gefunden zu haben. Doch die Jüdische Gemeinde von Chemnitz meint, sie habe ihre Herkunft endgültig verloren. Und die Gemeindemitglieder haben Angst, dass Mila andere auf ihrem Weg mit sich nimmt, weg vom wahren Glauben.

»Erneut sollen in Deutschland Juden missioniert werden«, empört sich Ruth Röcher von der Chemnitzer Gemeinde. Hinter diesen Worten ist Angst spürbar. Zur Wende 1989/90 bestand die Chemnitzer Gemeinde nur noch aus einem Dutzend zumeist alter Menschen, ein Ende schien unabwendbar. Erst der Zuzug von hunderten Juden aus Russland und der Ukraine gab neue Hoffnung. Die Gemeinde wuchs, Kinder wurden geboren, eine neue Synagoge wurde gebaut, das jüdische Leben in Chemnitz hatte wieder eine Zukunft. Bis Mila Tsilija-Podolska kam.

Die füllige Frau mit den pechschwarzen hochgesteckten Haaren nennt sich Pastorin und steht der Gemeinde messianischer Juden »Neuer Wein« vor. Diese hat ein kleines Büro im Erdgeschoss eines Hauses an einer Ausfallstraße im Chemnitzer Westen gemietet. Ein Plakat hängt im Fenster: vor Sonnenstrahlen abgedruckt das »Gebet des Jabet«. »Segne mich und erweitere mein Gebiet«, lauten die ersten Zeilen. Außerdem lädt ein Zettel »jeden Interessierten« zum Gottesdienst ein, immer am Sonnabendnachmittag. Aus Platzgründen allerdings an einem anderen Ort. Besagte Adresse ist eine Baracke der Chemnitzer Heilsarmee. Und deren Kapitän Frank Heinrich bestätigt sofort, dass man selbstverständlich an die messianischen Juden untervermiete und sie auch logistisch unterstütze. Die gemeinsame Mitgliedschaft in der Evangelischen Allianz verpflichte dazu.

Damit erhält der Konflikt eine weitere Dimension, nämlich um die Frage, was messianische Juden nun eigentlich tatsächlich sind. Pastorin Mila selbst sagt, sie seien Juden – nur eben solche, die Jesus für den Messias halten. Für Ruth Roscher und die Jüdische Gemeinde steht fest: »Die vermischen Glaubensinhalte in unakzeptabler Weise.« Einige Beispiele der Glaubenspraxis scheinen das theologische Durcheinander zu bestätigen: Die Gemeinde vom »Neuen Wein« feiert ihre Gottesdienste immer am Sonnabend, dem Tag der Ruhe. Die neugeborenen Buben werden beschnitten, gleichzeitig aber auch nach christlichem Vorbild getauft. Ein Kruzifix wiederum fehlt, es ist aber auch keine Menora zu sehen.

Mit einigen Mitgliedern der Gemeinde besuchte Ruth Röcher einen Gottesdienst der messianischen Juden, einige der Männer seien während der Veranstaltung aufgesprungen und hätten lautstark die Abtrünnigen kritisiert, welche die Ahnungslosigkeit und mangelnde religiöse Vorbildung vieler Zuwanderer ausgenutzt hätten. »Ja, wir haben als Juden in den Wohnheimen der Zuwanderer geworben«, sagt dazu die Vorsteherin der messianischen Juden. »Aber das tun wir heute nicht mehr.« Für Ruth Röcher ist durch solche Aktionen jedoch der Bestand der Gemeinde bedroht.

In der sächsischen Landeskirche wird in diesem Konflikt eher Partei für die Jüdische Gemeinde ergriffen. Er würde es seinen Pfarrern untersagen, den messianischen Juden Räume und Logistik zur Verfügung zu stellen, sagt der Chemnitzer Superintendent Andreas Conzendorf. Für ihn ist es unverantwortlich, in dieser »schwierigen Aufbauphase der jüdischen Gemeinde zu stören.«

Matthias Oelke, Sprecher des Landeskirchenamtes, wiederum wirbt dafür, dass sich Christen und Juden in Sachsen künftig bei Bedarf häufiger zusammenfinden, »um Strategien zu entwickeln, mit denen man gemeinsam solchen Entwicklungen vorbeugen« könne.

Denn die Vorgänge in Chemnitz sind, wie die erst kürzlich zugezogene Pfarrerin Dorothee Lücke, Leiterin des Evangelischen Forums, weiß, »keine Einzelerscheinung.« Eine zunehmend »aggressive Missionierung« sei in ganz Deutschland zu beobachten.

André Paul


 
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"Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm "Schulter an Schulter dienen" (Soph 3,9).

Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen."

Zweites Vatikanische Konzil, Nostra Aetate

 
Der griechische Satiriker Lukian (Lucian) von Samosata (120-ca.180 n. Chr.) schrieb um das Jahr 170 De morte Peregrini, 11 "Übrigens verehrten diese Leute den bekannten Magus, der in Palästina deswegen gekreuzigt wurde, weil er diese neuen Mysterien in die Welt eingeführt hatte... Denn diese armen Leute haben sich in den Kopf gesetzt, dass sie mit Leib und Seele unsterblich werden, und in alle Ewigkeit leben würden: daher kommt es dann, dass sie den Tod verachten und viele von ihnen ihm sogar freiwillig in die Hände laufen. Überdies hat ihnen ihr erster Gesetzgeber beigebracht, dass sie untereinander alle Brüder würden, sobald sie den großen Schritt getan hätten, die griechischen Götter zu verleugnen, und ihre Knie vor jenem gekreuzigten Sophisten zu beugen, und nach seinen Gesetzen zu leben."
 

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