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Im grenzenlosen
spirituellen Glanz des Judentums gibt es mehrere Aspekte, die für jeden
Menschen von großer Bedeutung sind. Im vorliegenden Artikel wird das meiner
Meinung nach wichtigste Konzept des Judentums behandelt, und zwar die
Nächstenliebe (hebr. „ahawat ha-sulat“).
Das Gebot der
Nächstenliebe wird besonders prägnant im Talmud zum Ausdruck gebracht: „Hawej
mi-talmidaw schel Aharon, ohew schalom we-rodef schalom, ohew et ha-brijot
u-meqarwan la-Tora“ („[…] Sei wie Schüler Aharons, liebe den Frieden und
strebe den Frieden an, liebe alle Menschen und bringe sie der Tora näher“
(Pirqej Awot, 1:12).
Um die tiefere Bedeutung
dieses talmudischen Spruchs nachvollziehen zu können, müssen wir zuerst die
Bedeutung der in ihm enthaltenen hebräischen Begriffe ergründen. Aharon gilt im
Judentum als einer der friedlichsten religiösen Menschen, der, wenn es nötig
war, notwendige Kompromisse einging.
Eine besondere
Aufmerksamkeit verdient das Wort bzw. der Begriff „ohew“. Nach mehreren
jüdischen Auffassungen hängt dieser Begriff mit einem intensiven
Erkenntnisprozess zusammen. Jeder Mensch soll das Wesen der Nächstenliebe in
seinem Inneren ergründen und feststellen, wie er im wirklichen alltäglichen
Leben diese wichtigste Eigenschaft des Geistes und des soziales Lebens äußern
kann. Die ganze Pracht dieses Begriffes kann man sehen, wenn wir den mit ihm
verwandten Begriff „chessed“ untersuchen. Auf der göttlichen Ebene
stellt dies den ewigen ununterbrochenen „Strom“ der Liebe des Schöpfers zu
allen Wesen des Weltalls dar.
Nach dem jüdischen
Konzept soll jeder Mensch Gott in dieser „chessed“- Eigenschaft
nachahmen. Das heißt, seine Liebe zu allen Menschen und zu allen Geschöpfen
Gottes soll immer existieren. Sie soll nie aufhören. Derjenige, der sich diese
Dimension des Inneren zu eigen gemacht
hat, heißt „chassid“.
Es entsteht die
berechtigte Frage: Wie kann man diese Idee in unserem irdischen Leben
realisieren? Es ist doch ziemlich kompliziert, diesen geistigen Zustand ständig
zu verspüren. Jeder Mensch befindet sich in verschiedenen Situationen, in denen
er ganz unterschiedlichen Anforderungen der Wirklichkeit ausgesetzt ist.
Eine der möglichen
Antworten auf diese Frage lautet: Selbsterkenntnis. Der hebräische Begriff „da’at“
bedeutet sowohl Gotteserkenntnis als auch Selbsterkenntnis. Er soll
herausfinden, wie er mit Nächstenliebe auf alles auf ihn Zukommende reagieren
kann.
Eines der freiheitlichen
Konzepte des Judentums besteht darin, dass der Mensch nicht unbedingt religiös
sein muss, um “chassid“ zu sein. Der Ausdruck „chassidej umot ha-olam“ bedeutet etwa: „Die
Gerechten und Frommen der Völker der Welt“. Dies kann jeder Mensch sein,
unabhängig davon, ob er Monotheist, Politheist, Agnostiker oder Atheist ist.
Hauptsache: Er tut Gutes, strebt die Nächstenliebe an und bemüht sich, an jedem
Menschen Schwester und Bruder zu sehen.
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