Antisemitismus in Russland während der Zarenzeit

Nikolaus I.


Die Regierungszeit von Nikolaus I. bildet in der Geschichte des russischen Judentums ein dunkles Kapitel. Der Zar suchte die „Judenfrage“ durch Zwang und Unterdrückung zu lösen. 1827 führte er das Kantonistensystem ein, das die zwangsweise Aushebung jüdischer Jugendlicher zwischen 12 und 25 Jahren in die russische Armee vorsah. Unter 18-Jährige wurden auf besondere Militärschulen geschickt, die auch von Soldatensöhnen besucht wurden. Dieses Gesetz war für die litauischen und ukrainischen Gemeinden ein schwerer Schlag; auf die Bevölkerung der „polnischen“ Provinzen wurde es nicht angewandt. Da der jahrelange Militärdienst verhasst war, waren die für die Musterung Verantwortlichen gezwungen, Presser (jiddisch Chapper) einzustellen, um die Jugendlichen aufzugreifen. Die Wehrpflicht der russischen Juden brachte ihnen in anderen Bereichen keine Erleichterungen. Sie wurden weiterhin aus den Dörfern sowie aus Kiew ausgewiesen, und 1843 wurden neue jüdische Ansiedlungen in einer Distanz von 50 Werst zur russischen Grenze untersagt. Andererseits förderte die Regierung landwirtschaftliche jüdische Ansiedlungen und befreite Landwirte von der Wehrpflicht. In Südrussland und weiteren Gebieten des Ansiedlungsrayons entstanden zahlreiche jüdische Siedlungen auf Ländereien in Staats- und Privatbesitz.

In den 1840er Jahren begann sich die Regierung mit der Erziehungsfrage zu befassen. Da die Juden von der 1804 im Jüdischen Statut angebotenen Möglichkeit der Ausbildung in allgemeinen Schulen keinen Gebrauch gemacht hatten, beschloss die Regierung den Aufbau von besonderen Schulen. Diese Schulen sollten durch eine Sondersteuer („Kerzensteuer“) finanziert werden, welche die Juden zu bezahlen hatten. Als einleitende Maßnahme sandte die Regierung Max Lilienthal, einen in Riga als Schullehrer angestellten deutschen Juden, auf eine Erkundungsreise durch den Ansiedlungsrayon. 1844 wurde in einem Erlass die Errichtung dieser Schulen angeordnet, deren Lehrer sowohl Christen als auch Juden sein sollten. Als Lilienthal erkannte, dass die wahre Absicht der Regierung darin bestand, die jüdischen Schüler dem Christentum nahezubringen und ihre schädlichen, vom Talmud beeinflussten Glaubensvorstellungen auszurotten, wie in geheimen Zusatzanweisungen vermerkt war, floh er aus Russland. Ein Netzwerk von Schulen wurde von der Regierung errichtet, deren Lehrer aus Anhängern der jüdischen Aufklärung bestanden und von den Rabbinerseminaren in Vilnius und Schytomyr geleitet wurden.

Die nächste Phase des Programms von Nikolaus I. war die Einteilung der Juden in zwei Gruppen: „Nützliche“ und „Nutzlose“. Zu den „Nützlichen“ gehörten wohlhabende Kaufleute, Handwerker und Landwirte. Die restliche jüdische Bevölkerung, Kleinhändler und Mittellose galten als „nutzlos“ und sahen sich von der zwangsweisen Einziehung in die Armee bedroht, wo sie eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Ausbildung erhalten sollten. Dieses Projekt stieß auf Ablehnung russischer Politiker und führte zu Interventionen westeuropäischer Juden. 1846 reiste Moses Montefiore zu diesem Zweck von England nach Russland. Der Befehl zur Klassifizierung der Juden in diese Kategorien wurde 1851 ausgestellt. Durch den Krimkrieg wurde zwar die Anwendung verzögert, die Quoten für die zwangsweise militärische Aushebung jedoch ums Dreifache vergrößert.

Alexander II.


Die Regierungszeit von Alexander II. war durch bedeutende Regierungsreformen gekennzeichnet, deren wichtigste die Aufhebung der Leibeigenschaft der russischen Bauern im Jahre 1861 war. Gegenüber den Juden verfolgte Alexander II. zwar ebenfalls das Ziel ihrer Assimilation in die russische Gesellschaft, hob jedoch einige der härtesten Beschlüsse seines Vaters (darunter auch das Kantonistensystem) auf und verlieh einigen ausgewählten Gruppen von „nützlichen“ Juden das Recht zur Niederlassung in ganz Russland. Dazu zählten wohlhabende Kaufleute (1859), Universitätsabsolventen (1861), diplomierte Handwerker (1865) sowie medizinisches Personal einschließlich Krankenschwestern und Hebammen. Die jüdischen Gemeinden außerhalb des Ansiedlungsrayons, besonders in St. Petersburg und Moskau, breiteten sich schnell aus und begannen einen bedeutenden Einfluss auf das russische Judentum auszuüben.

1874 wurde in Russland eine allgemeine vierjährige Wehrpflicht eingeführt. Da jüdische Jugendliche mit einem russischen Sekundarschulabschluss Erleichterungen erhielten, besuchten zahlreiche Juden russische Schulen. Hingegen konnten Juden nicht zu Offizieren befördert werden.

Die Teilnahme zahlreicher Juden am Aufbau des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens - wie der Musiker Anton Rubinstein, der Bildhauer Mark Antokolski und der Maler Isaak Lewitan - führte in der russischen Öffentlichkeit sofort zu scharfen Reaktionen. Zu den führenden Gegnern des Judentums gehörten bedeutende Vertreter der slawophilen Bewegung, wie Konstantin Aksakow und Fjodor Dostojewski. Die Juden wurden beschuldigt, einen „Staat im Staat“ zu errichten und die russischen Massen auszubeuten; auch die Ritualmordlegende, die 1817 von Alexander I. gesetzlich verboten worden war, wurde 1878 wieder eingeführt. Das Hauptargument der Hassprediger war jedoch, die Juden seien fremde Eindringlinge im russischen Leben, die wirtschaftliche und kulturelle Positionen unter ihre Kontrolle brächten und einen zersetzenden Einfluss hätten. In vielen Zeitungen, darunter der führenden Nowoje Wremja („Neue Zeit“), erschienen agitatorische Artikel. Die antijüdische Bewegung gewann besonders nach dem Balkankrieg von 1877-78, der in ganz Russland zu einem Anwachsen des slawophilen Nationalismus führte, neu an Bedeutung.


Alexander III.


Das Jahr 1881 bildete in der Geschichte der russischen Juden einen Wendepunkt. Das Attentat auf Zar Alexander II. stürzte das ganze Land in Verwirrung. Narodnaja Wolja und weitere revolutionäre Gruppierungen riefen das Volk zur Rebellion auf.

Epizentrum des ersten Pogroms ist die Provinz Cherson. Insbesondere zwischen 1881-1882, vereinzelt noch bis 1884, kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. In zahlreichen Städten des südlichen Russlands brachen Pogrome aus: 1881 in Jelisawetgrad und Kiew, 1882 in Balta, 1883 in Jekaterinoslaw, Krywyj Rih, Nowomoskowsk usw. und 1884 in Nischni-Nowgorod. Jüdische Häuser, Geschäfte, vor allem aber Wirtshäuser werden geplündert. Es kommt zu Vergewaltigungen und Morden, deren Zahl nur zu schätzen ist. Aronson geht allein für 1881 von 40 Todesopfern und 225 Vergewaltigungen aus.[1] Nach Irwin Michael Aronsons Untersuchungen waren die Progrome von 1881-84, entgegen vorherrschender Meinung, von der zaristischen Staatsmacht weder initiiert, noch gewollt. Vielmehr war die Regierung äußerst beunruhigt, denn sie verstand die Vorkommnisse als Teil des revolutionären Plans.[2] Das schließt die Duldung oder Mitwirkung einzelner lokaler Behörden nicht aus.

Die Tatsache, dass die russische Intelligenzija den Aufrührern Gleichgültigkeit oder auch Sympathie entgegenbrachten, schockierte zahlreiche Juden, besonders die Maskilim. Unter dem neuen Zaren Alexander III. wurden Provinzkommissionen ernannt, um die Ursachen der Pogrome zu ergründen. Im wesentlichen stellten diese Kommissionen fest, dass die Ursache der Pogrome in der jüdischen Ausbeutung lag. Aufgrund dieser Ergebnisse wurden im Mai 1882 die Zeitweiligen Gesetze erlassen, welche den Juden verboten, sich außerhalb von Städten und Kleinstädten niederzulassen (siehe Maigesetze (Russland)). Als Reaktion darauf kam es zu einem Ansturm von jüdischen Schülern auf Mittel- und Hochschulen, worauf in einem neuen Gesetz 1886 der Anteil jüdischer Studenten in Sekundarschulen und Universitäten innerhalb des Ansiedlungsrayons auf 10% und außerhalb auf 3-5% beschränkt wurde. Dieser Numerus clausus trug viel zur Radikalisierung der jüdischen Jugend in Russland bei. 1884 kamen die Pogrome zu einem Ende, doch administrative Schikanen blieben weiterhin an der Tagesordnung. 1891 begann die systematische Vertreibung der meisten Juden aus Moskau. Von Konstantin Pobedonoszew, dem persönlichen Berater von Zar Alexander III., ist folgender Ausspruch überliefert: Ein Drittel (der russischen Juden) wird sterben, ein Drittel wird auswandern, und das letzte Drittel wird im russischen Volk völlig assimiliert werden.


Nikolaus II.


Die judenfeindliche Politik unter Alexander III. wurde auch unter dessen Nachfolger Nikolaus II. fortgeführt. Als Reaktion auf die anwachsende revolutionäre Bewegung, in der jüdische Jugendliche eine zunehmende Rolle spielten, ließ die Regierung in der Presse, die strengen Zensurbestimmungen unterworfen war, hemmunglose antisemitische Propaganda verbreiten. In der Regierungszeit von Nikolaus II. fanden wiederum zahlreiche Pogrome statt: während Pessach 1903 in Kischinjow, und 1906 in Bialystok und Siedlce. Die Errichtung der kaiserlichen Duma nach dem Petersburger Blutsonntag brachte keine Verbesserung der Situation. Zwar waren in der ersten Duma von 1906 12 jüdische Abgeordnete vertreten. Sie standen jedoch mächtigen rechtsgerichteten Parteien, wie dem „Bund des russischen Volkes“ und damit verbündeten Gruppierungen gegenüber, welche öffentlich die Eliminierung des russischen Judentums forderten. Diese Kreise produzierten und veröffentlichten die Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“, durch welche bis heute antisemitisches Gedankengut weltweit verbreitet wird.

Die Pogrome und restriktiven Erlasse sowie der administrative Druck führten zu einer Massenauswanderung. Zwischen 1881 und 1914 verließen etwa 2 Millionen Juden Russland, viele unter ihnen emigrierten in die USA. Zwar nahm infolge der hohen Geburtenrate die jüdische Bevölkerung Russlands nicht ab, ihre wirtschaftliche Situation verbesserte sich jedoch, insbesondere auch durch die finanzielle Unterstützung durch Emigranten aus dem Ausland. Zur Regelung dieser massenhaften Auswanderung wurden verschiedene Projekte unternommen. Das bedeutendste Vorhaben stammte vom jüdischen Philanthropen Maurice de Hirsch, welcher 1891 mit der russischen Regierung eine Vereinbarung zur Übersiedlung von 3 Millionen Juden innerhalb von 25 Jahren nach Argentinien traf und zu diesem Zweck die Jewish Colonization Association (ICA) gründete. Das Argentinien-Projekt kam zwar nicht zur Ausführung, doch ICA konnte landwirtschaftliche Ansiedlungsprojekte von Juden sowohl in den Auswanderungsländern als auch in Russland selbst fördern. Ein weiteres Projekt für auswanderungswillige russische Juden, das ebenfalls nicht zur Ausführung kam, war das Britische Uganda-Programm.


Die Februarrevolution


Die neun Monate nach der Februarrevolution 1917 bildeten in der Geschichte des russischen Judentums eine kurze Blütezeit. Am 16. März 1917 hob die provisorische Regierung als eine ihrer ersten Maßnahmen sämtliche Beschränkungen gegen Juden auf und erteilte ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, in der Verwaltung tätig zu sein, als Anwälte zu praktizieren und in der Armee aufzusteigen. Die russischen Juden beteiligten sich aktiv an der Revolution und nahmen am politischen Leben teil, das im ganzen Land aufblühte. Auch die zionistische Bewegung verzeichnete unter den russischen Juden großen Zulauf. Im Mai 1917 wurde die siebente Konferenz der russischen Zionisten in Petrograd abgehalten, an der 140.000 Mitglieder vertreten waren. In vielen russischen Städten bildeten sich Jugendgruppen unter dem Namen Hechalutz („Der Pionier“), die sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Im November 1917 wurde die Nachricht der Unterzeichnung der Balfour-Deklaration mit Begeisterung aufgenommen.



http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Russland
 
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"Christinnen und Christen bleiben wie das Judentum auf den Selbsterweis des kommenden Retters vom Zion angewiesen. Von daher haben sie dem Judentum nichts voraus. Darum können sie im Vergleich mit sich selbst Jüdinnen und Juden nicht als defizitär bestimmen. Sie bilden zusammen mit Jüdinnen und Juden eine Solidargemeinschaft der Wartenden, in der sie im missionarischen Zeugnis vor der Welt der Völker und im wechselseitigen Zeugnis voreinander dem Gott Israels die Ehre geben. Darum hat die Rheinische Landessynode 1996 den Grundartikel der Kirchenordnung so erweitert: „Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ "

[...]

"...die Frage, ob Juden, die sich zu Christus bekehren, zugleich Juden bleiben können, zunächst von der Kirche negativ beantwortet, bevor diese Antwort auch von jüdischer Seite bestätigt wurde. Der Kirchenvater Ignatius von Antiochia (+ 110) brachte dies pointiert zum Ausdruck: "Es ist völlig unangebracht, Jesus Christus im Munde zu führen und (weiterhin) jüdisch zu leben; denn das Christentum ist nicht etwa zum Glauben an das Judentum gekommen, sondern das Judentum (zum Glauben) an das Christentum" (Brief an die Magnesier 10,3)."

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