"Einen Doppelklick von der Liebe entfernt" - Jewisch-Dating bei dem jüdischen Wochenmagazin Tachles

Die Suche nach dem richtigen Partner findet heute immer mehr auch über das Internet statt. Die grosse Anzahl Dating-Sites und die vielen «Erfolgsgeschichten» animieren regelrecht dazu. Die virtuelle Suche birgt aber auch Gefahren – wie das echte Leben eben auch.

Von Rachel Manetsch

Ein Blick in die «Familiennachrichten» von tachles genügt, um zu erkennen, dass viele heiratswillige Paare aus verschiedenen Städten oder gar Ländern zueinander gefunden haben: Er aus Zürich, sie aus Antwerpen; sie aus Basel, er aus Jerusalem; er aus New York, sie aus Genf und so weiter. Die soziologische Forschung schreibt diesen Umstand der in den letzten Jahren gestiegenen geografischen Mobilität zu, ein Trend, der sich im Zuge der fortschreitenden Globalisierung entwickelt hat. Ein nicht zu unterschätzender Grund für die vermehrte Entstehung von internationalen Partnerschaften ist jedoch das Internet – da sind sich auch Soziologen einig. Die Suche nach Liebe, Partnerschaft und Heirat über das Internet hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, wie kaum eine andere Tätigkeit im Netz. Dies lässt sich unter anderem daran festmachen, dass immer mehr Online-Dating-Sites ihre Dienste anbieten. Dass nicht nur Allerwelts-Dating-Sites wie Pilze aus dem virtuellen Boden schiessen, sondern auch spezifischere Dating-Portale wie JDate.com (für jüdische Partnersuchende), Muslima.com (für muslimische Partnersuchende) oder indiandating.com (für indische Partnersuchende), zeigt, dass sich trotz Säkularisierungstendenzen in der Gesellschaft vermehrt auch «Gleichgesinnte» suchen.

Internationalität der Teilnehmer

Den Weg über das Internet, um einen jüdischen Partner zu suchen, hat auch Mirjam* aus Zürich gewählt. «Die meisten jüdischen Männer aus meiner Heimatstadt kenne ich bereits, viele sogar seit der Grundschule», sagt die 28-jährige Single-Frau, die sich als säkular bezeichnet. Der Reiz an einer Beziehung mit ehemaligen Schulkameraden halte sich daher in Grenzen. Neue Leute in der Heimatstadt kennenzulernen sei schwierig, und so habe sie sich vorwiegend aus Neugier auf ein jüdisches Dating-Portal begeben, um ein Profil von sich zu erstellen. «Die Erfahrung war insgesamt eher enttäuschend», weiss Mirjam im Nachhinein zu berichten, «denn die monatlichen Gebühren zur Aufrechterhaltung des Profils waren überrissen und die Chancen auf ein Kennenlernen mager», da sie die angemeldeten Leute aus ihrer Umgebung schon kannte. Und eine für beide Seiten peinliche Begegnung bei einem vermeintlichen Blinddate wollte Mirjam um jeden Preis vermeiden. «Online-Dating lebt von der Internationalität der Teilnehmer. Wer nicht bereit ist für einen potenziellen Partner in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land umzuziehen, stösst schnell an Grenzen», so die Bilanz von Mirjam. Die Online-Suche nach einem jüdischen Partner fand damit bei ihr ein Ende, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte.


Online-Matchmaking hat Vor- und Nachteile

Eine gänzlich andere Erfahrung mit Online-Dating machte Anat* aus Genf. Ihren heutigen Mann, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet ist, lernte die 46-jährige säkulare Israelin auf einem jüdischen Dating-Portal kennen. «Neue Bekanntschaften zu schliessen, besonders für Leute in meinem Alter, gestaltet sich heute eher schwierig», weiss Anat zu berichten. Dass sie sich entschloss im Internet nach einem Partner zu suchen, verschwieg sie ihrem Umfeld anfänglich. «Ich wollte nicht unnötig Aufsehen erregen, denn nebst all den Vorzügen des Online-Dating, birgt es ja auch eine Reihe von Gefahren», so Anat. Sie sei daher auch äusserst vorsichtig vorgegangen, habe ihre Identität nie preisgegeben und sich mit Internet-Bekanntschaften nur an öffentlichen Orten, tagsüber zu einem Kaffee, getroffen. «Ich liess mir die Handy-Nummer geben, rückte meine aber nie heraus». Ihren Ehemann lernte Anat vor vier Jahren kennen. Nach einem regen E-Mail-Verkehr fand das erste Treffen in einem Tel Aviver Kaffee statt. «Wir waren uns auf Anhieb sympathisch», erinnert sie sich. Dem ersten Treffen folgten viele gegenseitige Besuche in Tel Aviv und Genf, bis das Paar beschloss, dass er zu ihr nach Genf zieht. Vier Jahre nach der ersten Online-Begegnung heirateten die beiden. «Ohne das Internet hätten wir uns nie getroffen», ist Anat überzeugt.

Die Motive und Erfahrungen bei der virtuellen Suche nach einem Partner sind breit gefächert. Der Soziologe Robert J. Brym konnte in einer Umfrage in Kanada die für Online-Dater wichtigsten Vorteile ausmachen: «Erstens bietet das Internet die Gelegenheit Menschen anzutreffen, die man sonst nie kennenlernen würde. Zweitens ermöglicht das Internet eine kostengünstige Variante des Kennenlernens. Und drittens bietet das Internet Privatsphäre und Sicherheit». Aber auch um die weniger rühmlichen Aspekte sind sich Online-Dater laut Umfrage bewusst: Auch Lügner und Betrüger können sich auf Online-Plattformen tummeln und der Gefahr, dass eine virtuelle Bekanntschaft nicht mit der ganzen Wahrheit über sich herausrückt, scheinen sich ebenfalls viele Nutzer bewusst zu sein.


«Partnersuche ist etwas Intimes»

Von der virtuellen Partnersuche hält Jose Weber, Leiter von Simantov, einer Schadchen-Agentur in Frankfurt, überhaupt nichts. Der gebürtige Kolumbianer betreibt seit 20 Jahren das internationale Matchmaking-Büro und hat in den Jahren seines Wirkens über 200 Hochzeiten gestiftet. «Natürlich ist das Online-Dating schlecht fürs Geschäft, aber es ist noch schlechter für die Suchenden selbst», schimpft Weber, «besonders wenn sie merken, dass sie aufgrund des Zeitaufwands halb mit dem Internet verheiratet sind». Viele Klienten, die heute zu ihm kämen, hätten oft einige Jahre nach einer ernsten Beziehung im Internet gesucht – erfolglos. «Es mag ja lustig sein, virtuelle Unterhaltungen zu führen, aber das ist eben nur virtuell und hat mit dem echten Leben nicht viel gemeinsam», so Weber. Seien aber zwei bis drei Jahre im Internet vergeudet worden, statt dass man sich von Anfang an direkt an ihn oder seine Kollegen gewandt hätte, seien der Druck und der Frust seitens der Partnersuchenden gross. Weber gibt zu bedenken, dass eine Partnersuche nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf: «Einen passenden Partner zu finden ist eine emotionale und intime Sache. Die Online-Dating-Betreiber kümmern sich nicht um das Schicksal ihrer Benutzer. Hauptsache, es lässt sich ein tolles Geschäft damit machen», so Weber. An den Erfolg von virtuell entstandenen Beziehungen glaubt Weber nicht, «sonst hätte ich selber schon längst eine Online-Dating-Plattform gegründet».

Anderer Meinung ist hier Rabbiner Marcel Ebel, designierter Gemeinderabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. «Durch das Online-Dating hat sich das Prinzip des Schadchens nicht geändert. Früher war der Kreis potenzieller Kandidaten viel kleiner, durch das Internet ist der Pool um ein Vielfaches vergrössert worden», so der Rabbiner. Das Netz werde nicht nur von säkularen Kreisen genutzt, weiss Ebel, auch charedische Kreise machen von diesem Werkzeug Gebrauch. «Der Unterschied besteht darin, dass in religiösen Kreisen oft eine Drittperson dazwischengeschaltet wird und die Heiratswilligen nicht direkt in Kontakt treten», sagt Ebel. Nichtsdestotrotz, auch Rabbiner Ebel ist sich der Gefahren des Internets bewusst. «Die Suche muss von beiden Seiten aufrichtig begangen werden.» Um die Seriosität zu überprüfen, sei es daher wichtig, vor der Preisgabe der eigenen Identität eine Vertrauensperson zu beauftragen, die sich mit einer Vertrauensperson des Gegenübers in Verbindung setzt, um die Absichten der Partner zu vergleichen. Ausserdem sei Ehrlichkeit – auch mit sich selber – ein unabdingbares Gut bei der virtuellen Suche. «Gute Matchmaking-Sites erkennt man daran, dass sie seriöse und durchdachte Fragebögen haben, die einige Zeit in Anspruch nehmen», erklärt Rabbiner Ebel. Der Gemeinderabbiner spricht aus eigener Erfahrung, wenn er Ratschläge erteilt, schliesslich hat er seine jetzige Ehefrau selber vor acht Jahren im Internet kennengelernt. Zudem hat er in den letzten Jahren einige Paare getraut, die sich ebenfalls im Internet kennengelernt haben.


Jüdische Single-Börsen im Aufwind

Dass Online-Dating auch in jüdischen Kreisen immer mehr an Akzeptanz und Beliebtheit gewinnt, zeigt die grosse Vielfalt im Internet. Viele Dating-Sites richten sich an ein amerikanisches Publikum. In den letzten Jahren entstanden aber vereinzelt auch europäische Plattformen wie etwa Jewsingle-Europe.com, die sich als «erste europäisch-jüdische Dating-Site» rühmt. Unter der Adresse Jewish-Dating.de verbirgt sich eine noch junge Partnersuch-Börse, die seit Juli 2006 aufgeschaltet ist. Der Betreiber der Site, Roman Gorbachov, verfolgt mit seinem Vorhaben das Ziel, «allen jüdischen Menschen die Möglichkeit zu geben sich kennenzulernen». Er möchte sich nicht auf ein bestimmtes Ziel festlegen – etwa Partnerschaft oder Heirat. Aber die Plattform soll «koscher bleiben» wie er sagt, «eine kostenlose, koschere Kontakt- und Single-Börse». Der 23-jährige Gorbachov, heute selbst mit einer Internet-Bekanntschaft verlobt, hat mit seinem «ausschliesslich jüdischen Vorhaben» auch negative Erfahrungen gemacht. «Das Feedback war nicht immer positiv, ein paar nicht jüdische Freunde fühlten sich ausgegrenzt und andere meinten, es brauche gar keine jüdische Single-Börse». Dies tat seinem Vorhaben aber keinen Abbruch.

In Bezug auf die Profilerstellung der Dater hat er sich besondere Mühe gegeben. «Jeder Dater kann ein umfangreiches Profil anlegen, mit Fragen zu religiösen und politischen Fragen, Infos zur Familie und den Essgewohnheiten. So bekommt man ein ziemlich klares Bild von der Person, die man vor sich auf dem Bildschirm sieht», sagt Gorbachov. über Schablonen wie «konservativ», «orthodox» oder «liberal» finde man nur schwer denjenigen, den man wirklich suche, glaubt er und führt als Beispiel gleich sich selber an: «Ich bin Mitglied einer liberalen und einer Einheitsgemeinde, aber was sagt das schon über mich aus?». über die definitive Anzahl der Mitglieder seiner Kontaktbörse schweigt sich Gorbachov aus, auf der Plattform sind etwas über 50 Männer und Frauen eingetragen. «Es ist aber ein gemütlicher Kreis», meint er augenzwinkernd. Zur Erfolgsquote der jungen Börse sagt er nur so viel: «Ich weiss, dass zwei Paare zueinander gefunden haben, aber man bekommt als Betreiber so etwas ja nur schwer mit.»
*Name der Redaktion bekannt.

 
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