Israelsolidarität quo vadis?

Für die Linke sind immer noch die Juden die Juden unter den Juden. Wie ist das zu verstehen? Ich betrachte zunächst die antideutsche Perspektive, die Solidarität mit dem Staat Israel unter Berufung auf dessen Judentum als „Jude unter den Staaten“ vertritt. Die Argumentationsweise bedient sich der historischen Analyse, die das subjektive Handeln vornehmlich aufgeklärter und emanzipierter, teilweise nichtreligiöser Juden beleuchtet und deren Handeln so logisch nachvollziehbar werden lässt, und nicht Irrationalität unterstellt, die als Ableitung pathologisches Verhalten unterstellt. Ein Schluss, der aus antideutscher Aufklärung folgen soll ist: „Wenn du Jude wärst, würdest du genauso handeln“. Als Beispiel wären die Selbstmordattentate zu nennen, deren Projektion auf eine andere, z.B. deutsche Gesellschaft die fiktive Konsequenz der brutalstmöglichen Verteidigung hätte.

Die Politik in Israel wird aber wesentlich von relativ säkulären, aufgeklärten Juden gemacht, die ihr Handeln nicht religiös, sondern rational ableiten. Es stellt sich daher die Frage, wie eine antideutsche Israelsolidarität aussehen würde, wenn tatsächlich die meist arabischen orthodoxen Juden den Einfluss hätten, der ihnen unterstellt wird. Die Solidarisierung bleibt eine Einseitige zugunsten einer politischen Richtung, die ja folgerichtig die Sicherung jüdischer Menschen zum Ziel hat, als solche also rational nachvollziehbar ist und bleibt, die aber nicht die Politik aller Juden darstellt. In antideutschen, und/oder jüdischen Publikationen und Schriften wird das Wort „Alibijude“ gerne verwendet für Juden, die wie Moshe Zuckermann der hiesigen Rechten zuspielen, in Israel aber als linksextrem gelten. Oder das Netzwerk antizionistischer Juden, wie Netlei Kureia, die auf hinreißend naive Art dem antisemitischen Antizionismus Argumente liefern. Tatsächlich freut sich niemand mehr über jüdische Kritik an jüdischem Handeln als die, die beides ein für alle Mal vernichten wollen, die Antisemiten. Dieser Vorwurf ist aber diesen Juden nicht von antideutschen Linken zu erteilen, sondern das ist ein Problem innerhalb der jüdischen Gesellschaft und zweifelsohne auch eine Reaktion auf nichtjüdischen Antizionismus und Antisemitismus, dessen Ursachen aus jüdischer Perspektive bei sich selbst gesucht werden. Antideutsche, die sich in Kritik an diesen Juden ergehen, handeln nicht objektiv israelsolidarisch, sondern subjektiv, sie richten ihre Solidarität deshalb auf Israel, weil sie dessen Handeln für gut heißen, nicht weil sie objektiv den Juden den Freiraum schaffen wollen, in dem sie sich ohne ständige Aggression selbst emanzipieren können. Somit ist nicht Moshe Zuckermann dafür anzugreifen, dass er dem Antisemitismus in Antizionistischen Veranstaltungen ein jüdisches Feigenblatt und somit eine Legitimationsbasis gibt, sondern ausschließlich die Gesellschaft, die eben dieses aufgreift und als Nichtjuden Antisemitismus verbreitet. Eine jüdische Ablehnung zum Judentum im imaginären Antisemitismusfreien Raum führt zu Assimilation und Emanzipation, eine jüdische Ablehnung des Zionismus führt lediglich zu einer Nichtteilhabe am Zionismus, der ohne Antisemitismus sich nicht entstanden wäre.

Erst durch den Antisemiten erfolgte der Druck, sich zu positionieren, zu kooperieren mit teilweise selbst antisemitischen Organisationen. Solidarisiert man sich also mit einer bestimmten Politik in Israel, entzieht man jenen Juden die Solidarität, die diese Politik angreifen. Solidarität mit Israel muss objektiv, von Politik unabhängig, sein. D.h. selbst wenn der Staat Israel beschließen sollte sich aufzulösen muss das akzeptiert werden, auch wenn es von Antisemiten bejubelt würde und zweifelsohne eine Dummheit darstellen würde. Eine bestimmte israelische Politik rational zu erklären und darüber aufzuklären stellt eine Grundbedingung im Kampf gegen antisemitische Geschichtsfälschung dar, sich mit der Politik speziell zu solidarisieren selektiert Juden in Juden und Juden, wonach dann eben wieder Juden die Juden unter den Juden sind. Die Solidarität muss neben der praktischen Ebene eine Metaebene erhalten, in der Juden Juden sein dürfen, ohne dafür angegriffen zu werden, unabhängig davon, was für eine Politik sie vertreten. Diese Politik ist dann unabhängig vom Judentum der handelnden Individuen zu kritisieren. Und erst, wenn die Notwendigkeit dazu gegeben ist, also der Antisemitismus ein für alle Mal besiegt wurde. Der Antisemitismus darf nicht von der Existenz der Juden abhängen sondern muss bekämpft werden, ohne Juden zu bekämpfen.

Kommen wir zum anderen Teil. Die allerwenigsten israelischen Linken wollen Israel auflösen, Israelflaggen sind selbst auf Gush schalom Demonstrationen gang und gäbe, auch ein israelischer Antizionist bedarf des Staates Israels und diskutiert die Abschaffung dessen auf der gleichen Metaebene wie deutsche Anarchisten.

Von israelkritischer, öfter einfach nur palästinasolidarischer Seite werden aber Juden noch mehr missbraucht um Politik zu rechtfertigen. Dem Staat Israel unterstellt man in naivster Rezeption antisemitischer Propaganda das Postulat des orthodoxen Judentums. Ergo gelte es sich mit der israelischen Linken zu solidarisieren, die ja bekanntlich in Opposition mit dem Staate Israel stehe und somit antizionistisch sein müsse. Was sie durchaus auch ist. Aber wieder ist der jüdische Antizionismus kein legitimes Instrument nichtjüdischer Politik. Die hemmungslose Übertragung von jüdischen Richtungsstreits auf nichtjüdische Politik vergleicht (sic!) die Juden mit den Nichtjuden zuungunsten der Juden, macht sie also nicht rechtlich gleich, sondern gleich in dem Sinne, dass sie ihrer Handlungsweise und deren historischer Basis beraubt werden. Im Zweifelsfall sind dann eben alle Opfer des Kapitalismus, jüdische Opfer und daraus resultierende Handlungsweisen existieren nicht mehr und dem Trachten und Sinnen des Antisemiten wird vorausgeeilt in der Negation des Judentums.

Abschließend lässt sich sagen, dass es in Israel nicht interessiert, was Europa denkt, sondern was Juden tun. Somit hat eine spezifische Politik Israels die emanzipierte Linke einen Dreck zu interessieren, eine Solidarität mit Jüdinnen und Juden muss der Maxime folgen, dass diese selbst als handlungsfähig anerkannt werden und zwar in jeder Richtung, auch in uns missliebige. Was hier links ist, kann in Israel rechts sein und umgekehrt, abgesehen davon, dass sich die starren normativen Begriffe Rechts und links mehr und mehr auflösen, v.a. auf internationaler Basis. Israelsolidarität, die Israels Politik nach deutschem Politikbegriff als links definiert ist so wenig emanzipativ wie die, die sie als rechts erklärt. Entscheidend für linke, nichtjüdische Politik muss die Position der deutschen und internationalen Rechten sein, die im Moment nach sehr ähnlichen Mustern Israels Politik als „angenehm rechts“ (starker Staat, U-Boot- Käufe, heldenreiche Siege (Bild)) oder „ekelhaft links“ als „Teil des jüdischen Imperialismus und Kommunismus“ empfindet. Israelsolidarität steht außerhalb der Politik des israelischen Staates. Sie ist insofern ein Paradoxon, dass sie sich mit den Juden genauso solidarisiert, die Juden benachteiligen, wie mit den Juden, die von Juden benachteiligt werden. Dieses Paradoxon löst sich erst auf, wenn man dem Juden endgültig das gleiche Recht auf verschiedene Meinung zugesteht und ein Existenzrecht jenseits von politischen Normierungen einräumt.

Wer seine Solidarität vom Handeln der Juden abhängig macht ist nicht solidarisch sondern substituiert das handelnde Subjekt zum Objekt seiner Handlungsempfehlung. Ebenso wie der Antisemitismus nicht seine Ursache im Handeln der Juden sondern im Handeln der Antisemiten hat darf Solidarität mit den Opfern des Antisemitismus nicht vom Handeln der Opfer abhängig sein sondern muss sich auf das Handeln der Antisemiten beziehen. Eine Art negative Kritik also.

Zum Satz "es interessiert nicht was die Europäer denken, sondern was die Juden tun" wäre hinzuzufügen, dass außerhalb von Israel es nicht zu interessieren hat, was die Juden tun, sondern was die Antisemiten denken und handeln. So kommt man dann auch zu einer Aufhebung des Antisemitismus, ohne den Juden aufzuheben. Nichtsdestotrotz bleibt eine Emanzipation auch der Juden zwingend, diese aber vom Handeln des Antisemiten abhängig zu machen erzeugt einen Druck, der Emanzipation ausschließt.


Israelsolidarität muss aus Objektivität generieren und darf nicht in Subjektivität abgleiten.


Ein Beitrag von "Emma Chickenwing", übernommen aus der deutschen Indymedia.
 
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