Judenmission in der Neuzeit

Die Reformation schien zunächst neue Chancen für die kirchliche Akzeptanz des Judentums zu eröffnen. Martin Luther verurteilte die Gewaltmission 1523 ausdrücklich und stellte fest, dass sie den christlichen Glauben verleugne, da Israel das von Christus erwählte Volk bleibe. Er wollte die Juden aus ihrer eigenen Bibel heraus überzeugen und ihr Leiden unter Christen wiedergutmachen.

Doch nach der Kirchenspaltung 1536 blieben Missionserfolge unter Juden auch in evangelischen Territorien weiterhin aus. Luther wandelte sich nun zu einem Judenhasser, der 1543 "Von den Juden und ihren Lügen" schrieb, sie mit allen altbekannten Klischees als halsstarrig, unverbesserlich und satanisch darstellte und ihre Vertreibung, die Verbrennung Ihrer Synagogen und Ihre Versklavung forderte. 

Luthers theologisches Grundproblem war seine Lehre von Gesetz und Evangelium: Gemäß ihrem pädagogischen Gebrauch (usus elenchticus legis) diente die Predigt des Gesetzes ausschließlich zur Erkenntnis der Sünde, des Gerichtes und des Zornes Gottes, um den Sünder auf das reine Gnadengeschenk des Evangeliums und den Empfang des Leibes Christi vorzubereiten. Juden wie "Papisten" waren für ihn Sklaven des Gesetzes; ihre "Verstocktheit" führe Christen in Versuchung, in den Irrglauben an die Selbsterlösung zurückzufallen; sie kreuzige täglich den Gottessohn und halte das Reich Gottes auf. So sah er die bloße Existenz des Judentums als Gefahr für die Christenheit.

Johannes Calvin betonte deutlicher als Luther den ungekündigten Bund Gottes mit dem Volk Israel: Dieser sei bereits Rechtfertigung allein aus Gnade und ewiges Heil. Aber er trennte das biblische Volk Israel scharf vom nachchristlichen Judentum: Dieses habe sich selbst durch die Ablehnung Jesu Christi vom Bund ausgeschlossen und sei daher am - in der Kirchengeschichte realisierten - Zorn Gottes selbst Schuld. Dennoch bleibe Gottes Segen über ihm.

Die Reformatoren weckten zum Teil ein neues Interesse am Judentum. Viele Theologen begannen sich literarisch damit zu befassen. Martin Bucer (1491-1551) und Johannes Coccejus (1603-1669) räumten ihm einen Platz in Gottes Heilsplan ein. Aber das änderte die Lage der Juden nicht: Sie blieben die oft bedrängten Außenseiter, deren einzige Rettung in der Kirche und Aufgabe ihres Judeseins lag.

Im gespaltenen Protestantismus kam es erst nach dem Dreißigjährigen Krieg zu Ansätzen einer Judenmission: Philipp Jacob Spener (1635-1705) hatte schon als Jugendlicher Hebräisch, Arabisch und Talmudwissenschaften studiert. Er kämpfte nicht nur für eine Erweckung der Kirchen, sondern auch für ein neues Verhältnis zum Judentum. Seit 1666 missionierte er im Frankfurter Judenghetto und hielt die von ihm ausgebildeten Pastoren zu tätiger Liebe für die Juden an; sein Ziel blieb deren Bekehrung.

In Straßburg gründete ein Schüler Speners, der getaufte Jude Esdras Edzard (1629-1708), das erste Institutum Iudaicum (1650). Auch er verband ein intensives Hebräisch- und Talmudstudium mit der christlichen Bekehrungsabsicht. Ferner stiftete Edzard in Hamburg ein Proselytenhilfswerk, das vor allem desorientierte Anhänger des Sabbatai Zwi, eines jüdischen Messiasanwärters, aufnahm und zu Judenmissionaren ausbildete.

Johann Christoph Wagenseil (1633-1705), Professor an der Universität Altdorf, war der erste Protestant, der die Erneuerung des Christentums zur Bedingung einer erfolgreichen Judenmission machte: In zahlreichen Schriften warb er für ein glaubwürdiges öffentliches Christenleben, das alle Hindernisse beseitige, die Juden den Glauben an Christus erschwerten. Diese Kritik richtete er vor allem an die Obrigkeiten. Er war mit dem Amsterdamer Gelehrten und sephardischen Rabbi Menasseh ben Israel (auch bekannt als Manoel Dias Soeiro) (1604-1657) befreundet, dessen Kontakte zu Oliver Cromwell (1599-1658) den Juden nach deren Vertreibung seit 1290 erste erneute Ansiedlung in England ermöglichten.

Johann Heinrich Callenberg (1728-1792), Nachfolger August Hermann Franckes (1663-1727), wurde durch diesen, Edzard und Wagenseil angeregt, in Halle/Saale ein Institutum Iudaicum für Judenmission zu gründen. Erforschung des Judentums, christliche Verkündigung und Diakonie bildeten darin eine Einheit. Er entsandte 20 ausgebildete Missionare u.a. nach Kleinasien, Palästina und ägypten, bis die preußische Regierung das Institut 1792 auflöste. Nur wenige Juden ließen sich durch diese "Sendboten" bekehren; aber es entstanden internationale Freundeskreise zwischen Juden und Christen und ein reger Austausch. Sie weckten ein neues Interesse an Israel quer durch alle christlichen Konfessionen, das deren Gegensätze relativierte.

Callenbergs Schüler Graf Zinzendorf (1700-1760) gründete die Herrnhuter Brüdergemeine, die als Ganzes Judenmission vor allem unter Juden in Böhmen und den Niederlanden betrieb. 1741 wurde die Fürbitte für alle Juden in ihr Sonntagsgebet aufgenommen.

Die beginnende Aufklärung entzog dem Pietismus dann jedoch vielfach den Boden: Ihre praktische und individualistische Ethik stellte sich gegen jeden Bekehrungseifer und versuchte etwa im Deismus, Juden- wie Christentum mit einer allgemeinen, konfessionslosen Vernunftreligion abzulösen. Das Interesse richtete sich nun eher auf die Emanzipation des Judentums und die Gleichberechtigung aller Bürger.

Im 19. Jahrhundert erlebte die Judenmission dann ihren eigentlichen Aufschwung: Parallel zum Kolonialismus der Europäer gründeten sich nun überall Missionsgesellschaften, die ihre Vertreter in alle Erdteile aussandten. Sie trennten Judenmission und Völkermission meist nicht. Dahinter stand vielfach die Idee der Universalisierung des Christentums, um auf diesem Weg auch das Restjudentum zu gewinnen. Der Erweckungsprediger in den USA, Jonathan Edwards (1703-1758), formulierte dieses Sendungsbewusstsein schon 1749 so:

"Bis 1800 könnte in dem protestantischen Teile der Welt die wahre Religion die Oberhand gewonnen haben; im nächsten halben Jahrhundert müsste dann das päpstliche Reich des Antichristen überwältigt und in den darauf folgenden 50 Jahren die muhammedanische Welt unterworfen und die jüdische Nation bekehrt werden. Dann stünde noch ein ganzes Jahrhundert zur Verfügung, um die gesamte Heidenwelt in Afrika, Asien, Amerika und Australien zu erleuchten, zu Christus zu bekehren...sowie alle Häresien, Schismen, Schwärmereien, Laster und Immoralitäten auf der ganzen Welt auszurotten; hernach wird die Welt die heilige Ruhe des Sabbats genießen..." (zitiert nach Peter Kawerau: Amerika und die orientalischen Kirchen, 1958, S. 74).

Als erster europäischer Verein für Judenmission begann die London Society for Promoting Christianity amongst the Jews seit 1809 ihre Arbeit in den arabischen Ländern Nordafrikas, äthiopien, Palästina und Iran. Aus ihr ging 1817 auch die erste übersetzung des Neuen Testaments ins Hebräische hervor, später der ganzen Bibel ins Jiddische. Die Anglikaner besetzten 1841 erstmals ein Bistum in Jerusalem mit einem Erzbischof jüdischer Herkunft, Michael Salomon Alexander. Die British Jews Society folgte 1842 mit anderen Länderschwerpunkten des damaligen Empire, darunter Australien, Südafrika und Lateinamerika.

In Deutschland begann die Judenmission 1822 mit der Gründung der Berliner Israelsmission: Der dort ausgebildete Mitarbeiter H.L. Strack gründete 1883 in Berlin ein Institutum Judaicum, das bis 1939 in vielen deutschen Städten wirkte, bis es von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Franz Delitzsch gründete 1871 den Evangelisch-Lutherischen Centralverein für Mission unter Israel und übersetzte 1877 das NT ins Hebräische; seine übersetzung gilt bis heute als vorbildlich. Landesvereine für die Judenmission entstanden auch in Norwegen (1844), Schweden (1875), Dänemark und Finnland (1885). ähnliche Vereine in den Niederlanden, der Schweiz und Ungarn arbeiteten nur im nationalen Rahmen.

 
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