Ganz und gar unberufen

Sollen deutsche Protestanten "Judenmission" betreiben? Ein Streit nicht nur in Württemberg

Ist das Verhältnis von Christen und Juden nur als "Vergegnung" (Martin Buber) möglich? Spät erst bekannten sich die Kirchen zu Schuld und Versagen im Holocaust. Der Vatikan erhofft sich vom bevorstehenden Papstbesuch in Israel eine weitere Verbesserung der Beziehungen, auch wenn die Reise mit politischen Streitfragen belastet ist.

Ganz andere Sorgen haben Deutschlands Protestanten. "Judenmission" heißt das Reizthema, das viele positive Ansätze zum christlich-jüdischen Dialog immer wieder konterkariert, wenn nicht gar zunichte macht, denn viele Juden empfinden den protestantischen Bekehrungsdrang als Bedrohung ihrer Identität. Zwar hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 1998 in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Zentralrat der Juden bekräftigt, "dass alle Gliedkirchen der EKD eine spezielle Ausrichtung (der) Verkündigung auf Juden, etwa im Sinne einer auf Bekehrung zielenden organisierten 'Judenmission', aus theologischen und historischen Gründen ablehnen". Doch nicht alle Landeskirchen stehen so klar zu dieser Aussage wie die Evangelische Kirche im Rheinland, deren Synode schon 1980 ein wegweisendes "Nein" zur Judenmission gesprochen hatte.

Insbesondere im pietistisch geprägten Württemberg finden sich weiterhin Befürworter. Der wegen seiner Missionspraktiken umstrittene "Evangeliumsdienst für Israel" mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen nahm im vergangenen Jahr trotz Protesten am Kirchentag in Stuttgart teil, und gegen das "Nein zur Judenmission" der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag verwahrte sich die "Werkstatt des württembergischen Pietismus" mit einer eigenen Resolution. Die Kirchentagsleitung vermied - wohl mit Rücksicht auf die schwäbischen Gastgeber - ebenso wie EKD-Ratspräsident Manfred Kock eine eindeutige Stellungnahme; erst drei Monate später erklärte das Präsidium die EKD-Pressemitteilung von 1998 zur Grundlage für die weitere Arbeit. Ob dies konkrete Folgen hat, muss sich auf dem nächsten Kirchentag erweisen.

Wie schnell im Streit um die Judenmission die Nerven blank liegen, zeigten in den vergangenen Wochen die Reaktionen auf einen Studientag der Evangelischen Fakultät der Universität Tübingen. Die im Titel der Veranstaltung bezeichnenderweise offen gelassene Frage, ob christlicher und jüdischer Glaube zwei Wege zum Heil seien, wollten die studentischen Veranstalter lieber ohne Beteiligung von Juden erörtern. Statt dessen lud man neben protestantischen Theologen Vertreter des "Evangeliumsdienst für Israel" sowie einer Gemeinde "messianischer Juden" aus Esslingen ein, obwohl die Leiter der beiden judaistischen Institute der Fakultät dagegen schriftlich "schwerste Bedenken" geäußert hatten. Empörte Reaktionen auf den Studientag waren die Folge, und der Wuppertaler Theologe Bertold Klappert, Initiator der Erklärung der rheinischen Kirche von 1980, fasste seine Eindrücke des Studientags so zusammen, dass viele in Württemberg den Dialog mit Juden gar nicht zu wollen scheinen.

Der Stuttgarter Landesrabbiner Joel Berger, zugleich Sprecher der Rabbinerkonferenz Deutschlands, wurde um eine entlastende Bewertung gebeten. Berger, der die Judenmission schon mehrfach als "Fortsetzung des Holocaust mit anderen Mitteln" bezeichnet hat, antwortete mit einem offenen Brief im "Schwäbischen Tagblatt". Er zeigte sich verwundert ob der ihm nachträglich zugedachten Schlichterrolle, da man ihn zuvor als Teilnehmer des Gesprächs nicht eingeladen hatte, und vermutete: "Viele in der württembergischen Landeskirche suchen das 'Gespräch', um Juden dem Judentum zu entreißen." Inzwischen haben drei Professoren der evangelischen Fakultät in Tübingen ein "Nein zur Judenmission" erklärt, das nicht lange unwidersprochen blieb. Die pietistische Ludwig-Hofacker-Vereinigung verteidigte vor zwei Wochen noch einmal die organisierte christliche Mission in Israel.

Der Streit um die Judenmission ist weder eine schwäbische Provinzposse noch ein rein akademisches Scharmützel. Rund fünfzigtausend in den letzten Jahren überwiegend aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderte Juden, die ihre religiöse Identität meist über Generationen verleugnen mussten, stellen heute die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und reizen offenbar den protestantischen Missionseifer. Während die etablierten jüdischen Gemeinden mit der Integrationsaufgabe zunehmend an ihre Grenzen stoßen, wird den Zuwanderern der übertritt zum Christentum angeblich auch mit der Aussicht auf Wohnung und Arbeit schmackhaft gemacht. Schon im achtzehnten Jahrhundert, als die organisierte Judenmission als protestantisches Phänomen ihren Anfang nahm, warb das Institutum Judaicum in Halle mit materiellen Vorteilen um verlorene jüdische Seelen. Jetzt ist das Thema wieder aktuell, und viele Zeitgenossen reiben sich verwundert die Augen, dass von den Kirchen überhaupt noch Mission betrieben wird, die sich zumal für Deutsche gegenüber Juden nach dem Holocaust verbiete.

Doch die Kirche mag auf den Missionsauftrag so wenig verzichten, wie der gläubige Christ die ihm geoffenbarte Wahrheit verbergen kann. Eberhard Jüngel formulierte daher auf der letzten EKD-Synode, die unter dem Thema "Mission und Evangelisation" stand, wenn dies nicht Sache der ganzen Kirche sei, "dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in Ordnung". Soeben hat er den Wahrheitsanspruch des Christentums noch einmal bekräftigt, ohne den das Christentum sich selbst aufgeben würde (F.A.Z. vom 18. Januar). Auf der EKD-Synode betonte Jüngel mit Blick auf die Judenmission, die Kirche müsste angesichts ihres Ursprungs im Judentum "ihre eigene Herkunft verleugnen, wenn sie das Evangelium ausgerechnet gegenüber Israel verschweigen wollte". Er fügte jedoch zwei wichtige Einschränkungen an, eine theologisch und eine historisch-politisch motivierte: Zum einen dürfe das Volk Israel nicht mit den Heiden parallelisiert werden, weshalb der Ausdruck "Judenmission" unbrauchbar sei. Zum anderen aber sei die Kirche in Deutschland "ganz und gar unberufen ..., Israel im Namen Jesu Christi anzusprechen".

Auf solch deutliche Worte mochte sich Jüngels württembergische Landeskirche bisher nicht verstehen. Die nächste Landessynode wird sich im April mit dem Thema befassen, und ein klares, ein klärendes Wort wäre wünschenswert, das wenigstens die historische Dimension des deutsch-jüdischen Verhältnisses angemessen berücksichtigt. Andere Landeskirchen sind schon weiter gegangen und distanzieren sich in Erklärungen und Kirchenordnungen auch aus theologischen Gründen von der Judenmission, indem sie - so zuletzt im November die westfälische Synode - die "bleibende Erwählung Israels" bekennen. Als Vorreiter für eine solche positive Aussage über das geistliche Band zwischen Juden und Christen muss dabei die katholische Erklärung "Nostra aetate" vom Oktober 1965, am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils gelten. Auch vom Rat der EKD darf man aufgrund der genannten Presseerklärung von 1998 ein theologisch begründetes Nein erwarten, wenn die dritte Studie "Christen und Juden" zur Jahresmitte vorgelegt wird.

Achim Bahnen

 
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