Die Sache mit dem Gasthaus

von Miriam Wölke

Vor etwas mehr als einem halben Jahr passierte es mir, dass eine sehr religioese Christin mir eine Story aus der Gemara im Talmud zitierte. Den Inhalt gab sie richtig wieder, ihre Schlussfolgerung dagegen war falsch. Damals fragte ich mich, woher diese nicht gerade zu den Intelligentesten zaehlende Kanadierin die Story aus dem Talmud kannte.

Um weiteren falschen Schlussfolgerungen und Deutungen vorzubeugen, will ich an dieser Stelle die Story aus dem Talmud erzaehlen und erklaeren. Sie findet zweimal Erwaehnung; einmal im Traktat Sanhedrin 107b und ein zweites Mal im Traktat Sotah 47a. Im Mittelalter sorgte die Kirche dafuer, dass fuehrende Rabbiner beide Stellen aus dem Talmud entfernen mussten. Wer also einen Talmud vor sich hat und die beiden Auszuege nicht findet, der braucht sich nicht zu wundern. Bis heute erscheinen die beiden Originalauszuege nur in wenigen talmudischen Ausgaben und sind ansonsten in den Hashmatot einzusehen.

Die Hashmatot sind eine Sammlung von Talmudauszuegen, welche die Kirche im Mittelalter unter Todesdrohungen den Juden gegenueber aus Talmudausgaben entfernen liess.

Zitat aus dem Talmud:

Als Yannai, Koenig von Israel, die Rabbiner umbringen liess. Shimon ben Shetach wurde von seiner Schwester versteckt, waehrend Rabbi Yehoshua ben Perachiah nach Alexandria in Aegypten floh.
Als wieder Frieden herrschte, sandte Shimon ben Shetach eine Nachricht an Rabbi Yehoshua ben Perachiah und der begab sich unverzueglich wieder auf den Heimweg nach Jerusalem.
Unterwegs kam er an einem Gasthaus vorbei, in dem er mit seinen Gefaehrten naechtigen wollte. Der Inhaberin des Gasthauses gegenueber machte er Komplimente. Ihr Gasthaus sei sehr schoen.
Daraufhin sagte einer seiner Schueler, der hier den Namen Yeshu HaNochri traegt, folgendes: Mein Rabbi, siehst du nicht, dass sie haessliche Augen hat.

In anderen Worten, wie kannst du ueberhaupt nur mit solch einer haesslichen Person sprechen.

Aufgebracht schmiss Rabbi Yehoshua ben Perachiah den Schueler Yeshu HaNochri hinaus. Einen Schueler, der die Menschen nur nach ihrem Aeusseren richtete, sah er als unwuerdig.

Im Judentum sollen die Menschen nach ihrem Inneren und niemals nur nach ihrem Ausseren gerichtet werden. Nicht jeder, der einen koerperlichen Makel hat, ist ein schlechter Mensch. Genau aber dieser Auffassung war Yeshu HaNochri.

Yeshu HaNochri kam danach einige Male zurueck zum Rabbi, um sich fuer sein Verhalten zu entschuldigen, doch der Rabbi wollte ihn nicht sehen. Einmal kam Yeshu HaNochri als Rabbi Yehoshua ben Perachiah mitten im "Shema Israel - Gebet" war. Der Rabbi war bereit, Yeshu HaNochri zu empfangen und gab ihm ein Handzeichen, dass er bis zum Ende des Gebetes warten solle.
Doch Yeshu HaNochri verstand das Handzeichen falsch und dachte, der Rabbi schmeisse ihn wieder hinaus. Er ging und begann zu einer selbst aufgesetzten Statue zu beten.
Der Rabbi kam und sagte ihm, dass er sich entschuldigen solle.
Yeshu HaNochri wollte nicht und sagte, dass jemand der suendigt und andere zur Suende anstiftet kein Recht auf Suehne (Teshuva) hat.

Eine komplett falsche Schlussfolgerung.


Die Kirche war / ist sich seit vielen Jahrhunderten sicher, dass hier die Sprache von J. ist.
J. sei identisch mit dem hier erwaehnten Yeshu HaNochri.

Genau diese Behauptung ist falsch. Der grosse talmudische Rabbi Yehoshua ben Perachiah (Vorstand des Sanhedrin) lebte zwei Generationen vor dem spaeteren von den Christen als Messias betrachteten J.

Auch bei Koenig Yannai gibt es eine Zeitdiskrepanz. Er war Koenig von 104 - 78 vor Beginn der Zeitrechnung.

Die Mehrheit der talmudischen Kommentatoren (darunter auch der RIF) stimmen ueberein, dass es sich in dieser Gemara des Talmudes nicht um J. handelt. Im Talmud gibt es noch weitere Stories, die sich mit Yeshu HaNochri beschaeftigen, doch wird kommentiert, dass es sich historisch betrachtet, um unterschiedliche Personen handeln muss.

Wie auch immer, die Kirche im Mittelalter liess sich nicht ueberzeugen und so mussten, vor allem zur der Zeit der Inquisition, viele talmudische Stories gestrichen werden oder es gab Zeiten, zu denen das Talmudstudium vollkommen untersagt war.


Dieser Artikel stammt aus Miriam Wölkes Blog "Hamantaschen"
 
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