G - tt ist kein toter Jude am Kreuz

Von Miriam Wölke

An dieser Stelle soll nicht die ganze Karfreitagsdiskussion wieder aufgerollt werden. Eigentlich war es schon recht seltsam, dass ich vor wenigen Tagen nochmals mit dem Thema konfrontiert worden war. Vor einiger Zeit kontaktierte mich ein kath. Geistlicher, der noch bis kommende Woche in einer christlichen Jerusalemer Einrichtung ein Praktikum absolviert. Wir trafen uns zum Kaffee und er stellte mir mehr als zwanzig Fragen zum Judentum. Richtig deutsch organisiert übrigens; alle Fragen waren auf einem kleinen Notizzettel aufgelistet.


Meine Freunde fanden es witzig, dass ausgerechnet ich mich mit einem katholischen Geistlichen traf. "Ja, redet sie denn überhaupt mit dem ?", so fragte ein Rabbiner eine Freundin von mir.
"Ja, wieso denn nicht ?"
Der Geistliche hatte Fragen und warum soll man sie ihm nicht beantworten ? Missionieren tat er nicht, machte aber klar, dass es ihm schon wichtig sei, den Juden die christliche Sichtweise des J. zu erklären. Kurz gesagt, der Geistliche (und wahrscheinlich nicht nur er) verspürte den Drang der Erklärung und wieso sollen die Juden sich nicht einmal mit der Person des J. C. auseinandersetzen ? Mit Hitler täten sie das ja schließlich auch.
Den Vergleich zwischen J. C. und Hitler fand ich hier besonders amüsant.

Meine Meinung dazu war, dass die jüdische Religion keinerlei Veranlassung sieht, sich mit dem Fall J. C. auseinanderzusetzen. Wieso auch ? Spielt er im Judentum doch gar keine Rolle.
Okay, J. C. war selber Jude, aber historisch hat er unendliche Leiden über das Jüdische Volk gebracht. Pogrome, Inquisition und letztendlich den Holocaust.

Mag sein, dass J. C. anderes im Sinn hatte als derlei Katastrophen zu verursachen; der Meschiach oder G - tt war er jedoch ganz und gar nicht. Im Judentum klingt diese Behauptung eher absurd, basiert sie doch auf keiner einzigen Grundlage. Und wieso sollen wir uns mit einer Absurdität auseinandersetzen ? Als ob wir nichts Besseres geschweige denn Wichtigeres zu tun hätten. J. C. war eine Person, die wirklich gelebt hat. Der Meschiach war er nicht und wird es auch nicht mehr sein. Er ist tot und das wars. Akte geschlossen.

Als ich am Sonntag abend in der Ben Yehudah Fußgängerzone stand und einer begabten amerik. Sängerin lauschte, spazierte der Geistliche an mir vorbei und ich sprach ihn an. Spontan setzten wir uns zu einem Bier zusammen und diesesmal regte er sich über die jüdische Reaktion auf die wieder eingesetzte Fürbitte des Papstes auf. Insbesondere hatte er es auf Charlotte Knobloch und noch jemanden anderen aus dem deutsch - jüdischen Clan abgesehen. Den Namen des Letzteren weiß ich nicht mehr; wobei ich den Namen vorher eh noch nie gehört hatte. Die selbsternannte deutsch - jüdische Führungsschicht Friedman & Knobloch interessiert in Israel niemanden. Mich eingeschlossen.
Charlotte wer ?

Jedenfalls wetterte der Geistliche über "Charlotte Wer" und ich konnte, ehrlich gesagt, dem Thema nicht so ganz folgen. Obwohl ich zuvor darüber schrieb, tat ich dies anhand israel. Quellen und am Sonntag war es mir gänzlich unbekannt, dass die deutsche Presse sich genau vor dem Karfreitag erneut mit der Problematik auseinandersetzte. Soweit ich mitbekam, oder auch nicht, war in der israel. Presse an Purim ziemliche Ruhe eingekehrt.

Kurz gesagt, der Geistliche verstand nicht, warum sich alle über diese Fürbitte so aufregen. Es könne doch jeder beten, was er wolle.

Und genau darum geht es: Juden scheinen laut der Fürbitte anscheinend das Falsche zu beten und aufgrunddessen sieht es der Papst als eine Notwendigkeit an, für uns Juden beten zu lassen.
Ihm zufolge scheinen wir zu doof zu sein, die "Meschiachrealität" des J. C., zu kapieren. Wieso können wir nicht endlich das Osterlicht sehen und auf HappyClappy machen ?

Ganz einfach. Die Fakten stimmen nicht und jeder, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, weiß dies. Ein toter Meschiach ? Was sollen wir denn damit ? Das reißt nun wirklich keinen Juden vom Hocker. Außer vielleicht einige Teile von Chabad mit ihrem letzten Rebben Menachem Mendel Schneerson.

Mir kommt diese Fürbitte, die Juden mögen doch endlich ihre Augen weit aufmachen und den wiederauferstandenen J. C. durch die Grabeskirche wandeln sehen, als einzige Herablassung vor. Was bildet sich der Papst samt seinem Führungsclan eigentlich ein, den Juden G - tt streitig zu machen ? Wir brauchen alles nur kein mitleidiges Von - Oben - Herab, welches uns andeutet, dass in unserem Denkvermögen etwas nicht zu stimmen scheint. Der "Heilige Geist" ist futsch und nur der Papst weiß noch, was hier Sache ist.

Und ich bin mir sicher, dass sich gerade der Papst im Judentum auskennt. Garantiert besser als seine Schäfchen, die da eifrig in den Kirchen nicken und ihre Händlein falten. Und wenn wir nicht endlich glauben, dann enden wir alle in der Hölle beim Teufel. Jahrtausende schon leidet das Jüdische Volk unter der Kirche. Zuerst der Katholischen und später genauso unter den obstrusen antisemitischen Ideen eines Martin Luther. Man könnte meinen, dass sich in unserer heutigen hochmodernen Industriegesellschaft einiges zum Toleranteren gewendet hat. Aber nichts da. Intoleranz und Antisemitismus haben Hochkonjunktur wie eh und je. Und das an einem Karfreitag, wo ein Jude starb.

 

Dieser Artikel stammt aus Miriam Wölkes Blog "Hamantaschen"

 
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