Die Judensau

Die Judensau bezeichnet als Tiermetapher ein im Mittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst und antisemitischen Karikatur. Hierbei zielt insbesondere die Verwendung des Schweine-Motivs auf eine Demütigung ab, da das Schwein im Judentum als besonders unrein (hebr. tame) gilt.

Judensau-Spottbilder sind seit dem frühen 13. Jahrhundert vor allem in Deutschland belegt. Sie sind auf Steinreliefs und Skulpturen an etwa 30 Kirchen und anderen Gebäuden vornehmlich Mitteleuropas bis heute zu sehen. Daneben begegnet man dem Bildmotiv seit dem 15. Jahrhundert in der Art einer bösartigen Karikatur in Flug- und Hetzschriften und anderen Medien. Seit dem 19. Jahrhundert taucht der Begriff auch als Schimpfwort gegen Juden auf. Die Nationalsozialisten griffen ihn auf und verwendeten ihn in der Abwandlung „Saujude“ als Hetzparole zur Verleumdung, Demütigung und Bedrohung von Menschen jüdischer Herkunft.

Herkunft und Bedeutungswandel

Das Schwein symbolisiert in biblischer Tradition die Unreinheit und Sünde, die der Mensch ablegen und überwinden soll, weil Gott ihn zu seinem Ebenbild berufen hat. So lässt Jesus nach einem Text des Markusevangeliums (Mk 5,1-20) die bösen Geister, die einen Menschen beherrschen, in eine Schweineherde fahren, worauf diese sich ins Meer stürzt und ertrinkt. Im 2. Petrusbrief (2,22) heißt es demgemäß von denen, die sich vom christlichen Glauben abwandten:

„Es ist ihnen widerfahren das Sprichwort: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; die Sau wälzt sich nach der Notdurft wieder im Kot.“

Hier wurde die Rückkehr zum Judentum als Verhalten von Schweinen dargestellt. Aber schon einige Kirchenväter beschimpften Juden als solche wie Häretiker als „Schweine“ (Petra Schöner, Judenbilder S. 189ff); bereits Johannes Chrysostomos übertrug diese Herabsetzung in seinen acht Sermonen 388 auf den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge.

Mit der übernahme der hellenistischen Tugend- und Lasterkataloge bildete die christliche Theologie seit dem 5. Jahrhundert die Reihe der „Sieben Todsünden“ heraus: Die letzten beiden, Völlerei (lateinisch gula) und Wollust (luxuria), wurden in bildlichen Darstellungen oft mit einem Schwein symbolisiert. Es verkörpert die Unreinen und die Sünder, deren Bauch mit Schweinereien angefüllt ist, deren verdaute Exkremente sie ihren Nachkommen hinterließen (Ps 17,14).

Diese allgemein menschlichen Verfehlungen wurden bis zum 9. Jahrhundert noch nicht mit dem Judentum identifiziert, sondern nur verglichen. Rabanus Maurus stellte in seiner Enzyklopädie De universo (847) Juden Schweinen an die Seite, da beide in gleicher Weise ihre gottlose, sündhafte Unmäßigkeit und Unkeuschheit „vererbten“. Er bezog sich dabei auf die „Selbstverfluchung“ in Mt 27,25: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Hier waren Juden wie Schweine noch eine Allegorie für die beiden Laster, vor deren Weitergabe der einfache Christ mit drastischen Bildern gewarnt wurde. So verkörperten auch Mönche und Affen die inconstantia (Untreue, Unbeständigkeit).

Die Skulpturen an Kirchen des Hochmittelalters symbolisierten den Aufstieg des Christentums zur herrschenden Weltanschauung, indem sie die siegreiche Ecclesia (Kirche) der unterlegenen Synagoge gegenüberstellten. Am Straßburger Münster zum Beispiel wurde letztere noch als formvollendete, edle und auch in der Trauer über ihre Niederlage hoheitsvolle Frauenfigur dargestellt (Entstehungszeit um 1230). Ihre verbundenen Augen symbolisieren die Blindheit des Unglaubens, ohne die Juden damit zu verspotten.

Auch frühe Judensau-Skulpturen im 13. Jahrhundert stellten zwar Juden negativ dar, sollten aber nicht das Judentum verhöhnen: Juden waren hier nur moralische Exempelfiguren für alle Sünder (Shachar, „The Judensau“ S. 22f.). Doch schon die früheste Darstellung einer Judensau (um 1230) deutete die Wesensgleichheit von Juden und Schweinen an, indem sie die Judensau als Mischwesen beider darstellte. Sie stammt aus der Zeit, als die theologische „Verwerfung“ des Judentums sozialpolitisch zementiert wurde: Das 4. Laterankonzil 1215 markiert die kirchlich angeordnete Unterdrückung und Ghettoisierung der mittelalterlichen Judengemeinden.

Nun wurde das Judentum zunehmend als „verdorbene“, schmutzige und lächerliche Religion abgewertet. Das zeigen die später entstandenen Bildmotive. Am Chorgestühl des Erfurter Doms wird der Konflikt der Religionen als Turnier visualisiert (Anfang des 15. Jahrhunderts). Während die Kirche auf einem Pferd reitet, sitzt die Synagoge auf einem Schwein. Ein Säulenkapitell im flämischen Aarschot wandelt das Motiv ab: Dort reitet ein Jude auf einem Ziegenbock. Dieser war auch Symbol des Teufels, so dass das Motiv nun bereits über den bloßen satirischen Spott hinausging.

Das Judensau-Relief an der Wittenberger Stadtkirche (um 1440) stellt ein betont „perverses“, verhöhnendes Bild dar, das Abscheu und Ekel erregen sollte. „Der Jude“ erschien nun als widerwärtige Kreatur. Zudem trägt das Motiv den Titel Schem Ha Mphoras (hebräisch „der unverstellte Name“), bringt also den Namen Gottes mit einem für gläubige Juden unreinen Tier in Verbindung. Es bedeutet damit für sie eine ungeheuerliche Blasphemie. Dies zeigt anschaulich, dass sich gegen Ende des Mittelalters der ursprünglich religiöse Gegensatz von Kirche und Synagoge zu einer totalen, alle Lebensbereiche umfassenden Verachtung des Judentums als solchem verdichtet hat.

Seit 1517 war die Schlosskirche der Predigtort Martin Luthers und Ursprung der Reformation. Seine antijudaistische Schmähschrift von 1546 trug denselben Titel wie das Motiv und deutete es wie folgt:

„Hinter der Saw stehet ein Rabin, der hebt der Saw das rechte Bein empor, und mit seiner lincken hand zeucht er den pirtzel uber sich, bückt und kuckt mit grossem vleis der Saw unter dem pirtzel in den Thalmud hinein, als wolt er etwas scharffes und sonderlichs lesen und ersehen.“

Damit bezog Luther die Judensau auf den Talmud und verhöhnte die rabbinische Schriftexegese und den jüdischen Glauben insgesamt als schmutzige Lächerlichkeit. So schloss er jeden denkbaren theologischen Dialog mit Juden und die Anerkennung ihrer eigenständigen Tradition aus.

Besonders provokant gestaltet war die Frankfurter Judensau, ein um 1475 entstandenes Wandgemälde am Alten Brückenturm in Frankfurt am Main unweit der Judengasse. Es stellte bis zum Abriss des Brückenturms 1801 eine der touristischen Attraktionen der Stadt dar. Es zeigte einen Rabbi, der verkehrt herum auf einer Sau reitet, einen jungen Juden unter dem Bauch an den Zitzen, einen weiteren am After oder der Vulva saugend; hinter der Sau stehend den Teufel selbst und eine auf einem Ziegenbock, einem Teufelssymbol, reitende Jüdin. Zudem war darüber der verstümmelte Leichnam des Simon von Trient zu sehen, der angeblich einem Ritualmord von Juden zum Opfer gefallen war. Die Bildunterschrift lautete:

„Saug du die Milch, friß du den Dreck,
Das ist doch euer best Geschleck.“

Dies sollte unterstreichen, dass Juden abartige Wesen seien, die den Tieren und dem Teufel näher stünden als dem Menschen. Die Verknüpfung des Judensau-Motivs mit einem Ritualmord sollte eine Pogromstimmung schüren (Schouwink, S. 88). Die Darstellung wurde in großer Zahl auch auf Holzschnitten und Kupferstichen, von denen verschiedene Varianten vorliegen, verbreitet. Auf den Druckwerken hat der Teufel meist eine als jüdisch angesehene Physiognomie und trägt auch den Judenring.

Verbreitung

Judensau-Skulpturen oder -Bilder sind noch an vielen Orten, meist an Kirchengebäuden, zu finden. Etliche davon sind so stark verwittert, dass das Motiv unkenntlich wurde; einige wurden aber auch erst in jüngster Zeit wieder entdeckt. Die Untersuchung Isaiah Shachars von 1974 und weitere Quellen erwähnen (hier alphabetisch geordnet)

Die älteste bekannte Darstellung (um 1230) findet sich an einem Säulenkapitell im Domkreuzgang von Brandenburg. Es zeigt die Judensau als Mischwesen zwischen Jude und Schwein: Diese Version wurde später nicht mehr aufgegriffen. Dem 13. Jahrhundert zugehörig gelten auch die Beispiele in Lemgo, Xanten, Eberswalde, Wimpfen und Magdeburg. Dem 14. Jahrhundert rechnet Shachar die Motive in Heiligenstadt, Köln (Dom), Metz, Regensburg, Uppsala, Gnesen, Colmar und Nordhausen zu. Die übrigen Judensau-Bilder gehören dem 15. Jahrhundert an.

 
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