Religiöser Fundamentalismus und seine psychologischen Wurzeln

Antje Keil

Religionspädagogik


Religiöser Fundamentalismus und seine psychologischen Wurzeln


Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 3
II. Religiöser Fundamentalismus- Was ist das? 4

III. Begünstigende Faktoren 6

a) der Umwelt
b) der Psyche

IV. Schluss 8


V. Literaturverzeichnis 9

I Einleitung


Gerade in der heutigen Zeit, in der in den Nachrichten immer wieder von Terroranschlägen im Ausland berichtet wird, die fundamentalistischen Gruppierungen zugesprochen werden und der Begriff des religiösen Fundamentalismus in aller Munde ist, scheint es mir wichtig, die Ursachen fundamentalistischer überzeugungen einmal näher zu beäugen.

Das Starkwerden fundamentalistisch eingestellter Gruppierungen scheint typisch für unsere Zeit. Ihnen werden Attentate zugesprochen, die eine große Gefahr für die Gesellschaft darstellen, die die Massen in Angst und Schrecken versetzen. Manche ihrer Lehren, gerade die, die in der öffentlichkeit zutage treten, können Menschen sogar dazu bringen, Ihr eigenes Leben für ihre überzeugungen zu lassen; aber was steckt nun dahinter? Welche Faktoren sind es, die (gerade in unserer Zeit?) eine solche Macht begünstigen und stärken?

In meinem Referat möchte ich mich also den Wurzeln des religiösen Fundamentalismus zuwenden, die er in Umwelt und menschlicher Psyche hat. Dieser Blick scheint mir wichtig, um dem Phänomen des Fundamentalismus wirksam entgegentreten zu können, um zu verstehen, was Menschen dazu bringt, sich einem fundamentalistischen Glaubensgrundsatz hin zu geben.

Nur auf diese Weise wird es uns möglich sein, fundamentalistisches Aufkeimen in unserer Gesellschaft im Grunde zu ersticken, dem von fundamentalistischen Glaubenssätzen ausgehenden Terror entgegen zu wirken.















II Fundamentalismus- Was ist das?


Der Begriff des religiösen Fundamentalismus hat sich besonders zum Ende der 70er Jahre verbreitet. Vor allem wurden mit ihm religiöse Protestbewegungen und militante Gruppen bezeichnet, so dass er durch Ereignisse wie zum Beispiel die Besetzung der Moschee in Mekka durch sunnitische Fundamentalisten im Jahr 1979, sowie die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat, 1981, in das Blickfeld der Journalisten geriet.1

Religiöser Fundamentalismus sei tendenziell auf der ganzen Welt an zu treffen, praktisch in jeder Heils- und Erlösungsreligion möglich.

Geprägt wurde der Begriff durch den Herausgeber der baptistischen Zeitschrift Watshman- Examiner , Curtis Lee Laws, der ihn im Jahre 1920 zur näheren Bezeichnung einer konservativen Sammlungsbewegung des amerikanischen Protestantismus gebrauchte. Diese Gruppe vertritt einen Minimalkonsens konservativer Positionen, weist jedoch kein eigenständiges, geschlossenes theologisches System auf. Fünf Glaubensgrundsätze, die five fundamentals, werden durch diese Gruppe vertreten. Es handelt sich hierbei um den Glauben an die Verbalinspiration der Bibel, die Jungfrauengeburt, leibliche Wiederauferstehung, stellvertretende Sühnopfer und an die physische Wiederkehr Christi.

Von seinen Ursprüngen an, war der religiöse Fundamentalismus als Protest gegen die moderne Bibelkritik der liberalen Theologie und gegen die sozialreformerische Theologie der „Sozial Gospel“2 zu sehen.3

Fundamentalismus wird durch die Unzufriedenheit mit dem heutigen Gesellschaftszustand begünstigt, so dass es für seine Ausrichtung zwei nähere Möglichkeiten gibt:

Die eine ist die der Weltflucht, die andere die der Weltbeherrschung. Erstere bedingt den Rückzug aus der Welt; eine Absonderung, die andere hingegen ein Verbreiten und Aufzwingen der eigenen Ideale und Ziele.

Zudem erlaubt das Phänomen des religiösen Fundamentalismus eine Aufteilung in Buchzentrierten (radikalen) und Erlebniszentrierten (charismatischen) Fundamentalismus. Der radikale Fundamentalismus fordert als Heilsgewissheit eine an religiösen Prinzipien und Vorschriften orientierte Rationalisierung der Lebensführung und hat einen strengen Moralismus zum Zentrum. Der charismatisch ausgerichtete Fundamentalismus hingegen, anerkennt zwar diese Vorschriften, beansprucht zur Bestätigung seiner Heilsgewissheit jedoch über dies außeralltägliche Gnadengaben und hat somit das Außeralltägliche (auch göttliche Wunder) zu seinem Zentrum.

Beide der genannten Typen stellen Reaktionen auf rasche soziale Wandlungsprozesse dar. Sie treten häufig parallel auf4, wobei es sich bei der vorgenommen Differenzierung um ein Idealtypisches handelt. In der Praxis hingegen, treten häufig Mischformen auf, sind die übergänge fließend.

Eine weitere Kategorisierung lässt sich aufgrund der verschiedenen Organisationsformen vornehmen. So wäre hier zwischen einer öffentlichen Protestbewegung, die kollektive Massenaktionen wie zum Beispiel Streiks und Demonstrationen unternimmt, und einer Geheimgesellschaft zu unterscheiden, die von Kleingruppen getragene Terrorakte wie zum Beispiel Attentate und Entführungen vornimmt.5 So reicht die Bandbreite religiös fundamentalistischen Handelns von harmlos wirkenden Versuchen, sich gegen eines der nachaufklärerischen Weltbilder mit seinen gesellschaftlichen Folgen zu stellen, bis hin zu kriegerischen Herrschaftsansprüchen nach dem Muster der Diktatur des Ayatollah6 Kohmeiny.

Fundamentalistische Phänomene sind in ihren Absichten gar so unterschiedlich, dass wir geradewegs zu dem Gebrauch des Begriffs der Fundamentalismen genötigt werden. Einzig gleich ist diesen ihre innere Dynamik, die der von Ideologien gleich ist.7

Das religiös fundamentalistische Weltbild ist von einer Grundformel allen Daseins bestimmt, mit der der Fundamentalist die Welt zu retten sucht, mit der er auf alle Fragen des Alltags eine Lösung findet. Dieses System muss makellos sein, um ein hohes Maß an Sicherheit zu bieten und bedingt eine strikte Polarisierung der Mitwelt in gut und böse.



III. Begünstigende Faktoren

a) der Umwelt

Revolutionäre Einsichten in die Struktur der Wirklichkeit haben in der Vergangenheit neue Weltanschauungen erzwungen. Der Mensch war nun durch die Wissenschaft genötigt, sich aus seiner gewohnten Sicherheit hinaus ins Ungewisse zu begeben. Zur Folge hatte dieses unabdinglich die Ausbreitung einer Hilflosigkeit, einer inneren Unsicherheit, die nun besonders die Nachdenklichen und Gebildeten unter uns erfasste.

Alles Wissen um Menschheit und Natur war in Frage gestellt, musste neu erschlossen werden, so dass sich das für den Menschen so wichtige Gefühl von Geborgenheit verlor. Der Mensch wurde sich darüber bewusst, dass er zur Lösung bestimmter Grundprobleme unfähig ist, dass er durch bestimmte Fortschritte, Bevölkerungsexplosion, und den sorglosen Umgang mit natürlichen Ressourcen, im Begriff ist, sich selber zu vernichten.8

Religiöser Fundamentalismus nun, „[…] ist fast immer die verzweifelte Reaktion auf diese verzweifelte Situation.“.9


b) der Psyche

Die Grundgesinnung des Fundamentalismus ist mit schizoiden und zwanghaft strukturierten Persönlichkeiten kompatibel.10

Die schizoide Struktur erwächst aus schlechten Erfahrungen mit der Umwelt, aus nicht erfüllten Bedürfnissen nach Zuwendung und menschlichem Kontakt.11 Sie zeichnet sich aus, durch den auffälligen Rückzug des Betroffenen von anderen Menschen; schizoide Persönlichkeiten scheinen unabhängig, selbstständig, kritisch und geben sich affektlos. Sie richten einen scharfen Blick auf die Schwächen anderer und sind oft nicht selbstkritikfähig. Sie projizieren eigene Eigenschaften auf andere und benötigen ein Fundament, das ihnen Sicherheit bietet und vor den Gefahren einer offenen Welt schützt.

Die zwanghafte Struktur hingegen, zeichnet sich durch eine große Angst vor eigener Autonomie aus, durch die Angst, sich dem Leben aus zu setzen.

Zwanghaft strukturierte Persönlichkeiten sind zuverlässig, moralisch, objektiv, sauber und ordnungsliebend. Der Rückzug in ein stabiles System geschieht hier allein aus der Angst vor Selbstständigkeit.12

Beide angeführten Persönlichkeitsstrukturen finden in einer Gesellschaft, die ihren Blick auf Leistung, Fleiß und Erfolg gerichtet hält, Begünstigung.

Ferner spricht Dieter Funke13 von einer bipolaren Selbststruktur, die ihre Polarität zwischen Sicherheits- und Autonomiewünschen hat. Diese treibe die psychische Entwicklung des Menschen voran. Ein Ungleichge-wicht zwischen den Polen führe zu einer Störung des Selbst. Fundamentalismus, Spiritismus, Okkultismus, sowie auch rechtsradikale Einstellungen, seien als Symptome eines unbefriedigten Sicherheitsbe-dürfnisses an zu sehen.














IV. Schluss

Wie wir also gesehen haben, stellt der Fundamentalismus der Gesellschaft einen Spiegel vor; alle begünstigenden Faktoren gehen von ihr aus, lassen sich also nur durch sie vermindern.

Die Verantwortung liegt somit bei jedem Einzelnen.

Sicherlich ist es nicht einfach, bei eigener Verunsicherung, die im Blick auf die Welt, auf den Kosmos, entsteht, anderen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, jedoch können wir sicherlich dazu beitragen, dass das von Dieter Funke beschriebene bipolare Selbst in seiner Entwicklung nicht gestört wird, dass Kinder durch ausreichende Stärkung und Zuwendung eine gesunde Persönlichkeit entwickeln können, so dass sie dann mit dem Wissen über ihr Sein selbstbewusst umzugehen wissen.

Wieder einmal tritt uns die Wichtigkeit einer glücklichen und umsorgten Kindheit als Basis für eine funktionierende Gesellschaft vor Augen.






















V. Literaturverzeichnis


  • Huth, Werner; Flucht in die Gewissheit- Fundamentalismus und Moderne; Claudius-Verlag; München, 1995

  • Kochanek, Hermann; Die verdrängte Freiheit- Fundamentalismus in den Kirchen; Herder-Verlag; Freiburg im Breisgau, 1991

  • Riemann, Fritz; Grundformen der Angst; Reinhardt-Verlag; München, 1975

  • Riesebrodt, Martin; Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung; Mohr-Verlag; Tübingen, 1990


1 M. Riesebrodt, 1990, S.1

2 Social Gospel (soziales Evangelium), eine liberale Bewegung im amerikanischen Protestantismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Vertreter des Social Gospel versuchten mit der christlichen Lehre die sozialen Probleme zu lösen, die mit der Industrialisierung aufgetreten waren. Außerdem wandten sie sich gegen die Unterstützung eines zügellosen Kapitalismus durch die institutionalisierten Religionen.

3 e.d. S.12

4 e.d. S.22

5 e.d. S.23

6 im schiitischen Islam Titel für einen Gelehrten, der an einer theologischen Hochschule großes religiöses Wissen durch eine Prüfung nachgewiesen hat

7 W. Huth, 1995, S.12

8 e.d. S.18-19

9 Zitat aus e.d. S.20; Z.20-21

10 vgl. Riemann, 1975

11 H. Kochanek, 1991, S.84

12 e.d. S.85

13 e.d. S.83-92

 
Main Menu
Aktuell
Wissen
Web
Kontakt
Evangeliumskirche Glaubensgeneration in Mission Gottesreich "Eine umfassende Übersicht über die Evangelikale Szene in Deutschland. Uneingeschränkt empfehlenswert!"

Image

Wir wehren uns gegen Judenmission

 

     
Juden & Jesus
                  
                                        
Antizionismus


Zionismus


© November 2017 Maschiach.de // Roman Gorbachov // Blog // Umsetzung // Datenschutzerklärung // Impressum