Martin Luther und die Juden

Martin Luther und die Juden Luther beeinflusste als Reformator entscheidend die Haltung des Protestantismus zum Judentum. Dabei unterschied er von Beginn an die theologische Auseinandersetzung um die Wahrheit des Glaubens vom politischen Umgang mit den Juden. Sein theologisches Urteil legte er früh fest und blieb darin im Kern gleich - seine politischen Ratschläge dagegen wandelten sich mit der Zeit je nach Situation erheblich. 1514 unterstützte er in einem Gutachten für den sächsischen Kurfürsten Johannes Reuchlin gegen die Kölner Dominikaner, die Talmudbücher verbrennen wollten.

 

Er begründete dies aber konträr (WAB 1/7, 23f):

Von allen Profeten ist geweissagt, dass die Juden Gott und ihren König Jesus schmähen und lästern werden... Und wenn sie versuchen, die Juden von ihren Lästerungen zu reinigen, werden sie erreichen, dass die Schrift und Gott als Lügner erscheinen... Aber verlass dich drauf: Gott allein wird am Werk sein... Denn sie sind so sehr durch den Zorn Gottes an ihren verkehrten Sinn dahingegeben, dass sie, wie der Prediger Salomo (1,15) sagt, unverbesserlich sind. Und jeder Unverbesserliche wird durch die Strafe schlimmer und bessert sich niemals.
 
Luther glaubte keine Maßnahme könne die heutigen Juden zu Christus bekehren, weil Gott bewirkt habe, dass sie ihn ablehnen, wie es die Bibel vorhersagte. Nur Gott selbst könne und werde diese „Verstockung“ überwinden. Bekehrungszwang sei dazu ebenso sinnlos wie „aufklärende“ Pädagogik. Damit stellte er die Juden aber nur den Christen an die Seite, die für ihn ebenso Gottes Zorngericht unterstellt und völlig auf sein Erbarmen angewiesen waren. Der Jude war für ihn der Typus des verlorenen Sünders, dem Christen zur Mahnung.

 

In seiner ersten Psalmenvorlesung 1513-1515 übernahm Luther die Ersatztheologie der Patristik:

  • Gott habe sein Volk wegen dessen fortgesetzter Überheblichkeit „ausgespien“; Zeichen dafür sei seine Zerstreuung und der unumkehrbare Tempelverlust. Die Messiashoffnung der Juden sei vergeblich, so dass sie weder leiblich (politisch) noch geistlich (religiös) bestehen könnten. Dies sei Gottes Strafgericht über die Kreuzigung seines Sohnes (u.a. WA 3/82, 25f).
  • Es habe sie aber nicht gebessert, sondern verstockt: Sie beharrten auf ihrem Ungehorsam und trachteten, andere dazu zu verführen. Sie in diesem Äon zu bekehren, sei Illusion. Nach Jes 10,21 könne allenfalls ein Rest von ihnen gerettet werden (u.a. WA 4/468, 35ff).
  • Sie seien aktive Feinde der Christenheit; ihre talmudische Bibelauslegung lehre lauter Lügen, um die Wahrheit Christi aufzulösen und die Völker mit Hochmut gegen Gott zu erfüllen (ebd).

Luther misstraute den Rabbinern also ebenso wie der katholischen Scholastik und sah ihre Lehren als selbstgerechte Verfälschung des Wortes Gottes an. In beiden wiederholte sich für ihn ständig die Verwerfung Christi. Seine Römerbrief-Vorlesung 1515/16 führte dies weiter aus: Hinter denen, die sich ihrer eigenen Werke rühmen und dabei Gottes Vergebung missachten, stehe teuflische Überheblichkeit. Dies gelte nicht bloß für Türken und Juden, sondern gerade auch für Christen, besonders deren Priester. Sie seien allesamt Feinde des Kreuzes Christi (Phil 3,18), die weder Gott noch den Menschen dienen wollten.

Über antijudaistische Hetzprediger sagte er (WA 56/436, 13ff):

In dreister Weise brechen sie in lästerliche Schimpfreden aus, wo sie doch mit ihnen Mitleid haben sollen und ähnliche Dinge für sich befürchten müssten... Als wären sie ihrer selbst und jener ganz sicher, erklären sie sich frech gleichsam als die Gesegneten und jene als die Verfluchten... Warum? Weil sie vergessen haben, was geschrieben steht ... (Röm 12,14; 1. Kor 4,12f).

Dies zielte auf die Selbsterkenntnis der christlichen Sünder, um sie Gottes allein rettender Gnade in die Arme zu treiben und zur Solidarität mit den leidenden Juden zu befähigen:

Daher haben beide Grund, Gott zu loben, aber nicht, miteinander zu streiten.

1523 schrieb Luther Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei. Die Schrift reagierte auf den katholischen Vorwurf, er habe die Jungfrauengeburt geleugnet. Als wunderbar gezeugter, aber natürlich geborener Sohn Marias sei Gottes Sohn zugleich aus „Abrahams Samen“ entstanden. Damit wollte Luther der Juden etliche [...] zum Christenglauben reizen. Er beklagte, dass die katholische Kirche sie mit Zwangstaufen und Canones wie Hunde misshandelt und ihnen Christus vorenthalten habe. Es sei klar, dass sie sie so nicht habe bekehren können:

Wenn man sie zwingt, als Geldverleiher ihren Unterhalt zu verdienen, wie sollte sie das bessern?

Da nur Gottes Wort allein dies vermöge, solle man sie nicht politisch unterdrücken, sondern aus ihrer eigenen Bibel heraus überzeugen. Dazu müsse man anerkennen, dass Israel Gottes ersterwähltes Volk sei, dem Gott besondere Privilegien verliehen habe. Dann versuchte Luther, sie wie der spanische Dominikaner Raimundus Martini (Pugio fidei, um 1280) mit einem altestamentlichen Schriftbeweis von Marias Jungfräulichkeit und Jesu Messianität zu überzeugen. Der Messias sei schon gekommen, so dass die jüdische Messiaserwartung Irrtum sei. Erst wenn sie das einsähen, könne man ihnen die für sie schwer begreifliche Erkenntnis nahebringen, dass Gott ... muge mensch seyn.

Luther erwartete also, dass einige Juden sich nach erfolgreicher Reformation zum evangelischen Glauben bekehren würden. Doch um 1526 erlebte er, dass sie dies nicht taten, sondern selbst Missionserfolge unter jungen Christen hatten. Von nun an vertrat er öffentlich die Blindheit, Verstockung und Verfluchung aller Juden, die zum höheren Ruhm der Christenheit diene. Nur einzelne Juden könnten den Weg zum Heil finden, um so die Tür für alle offen zu halten. Dazu rechtfertigte er nun das Leiden, das sie durch Christen erfuhren, einschließlich des „Schandrocks“, den sie zu tragen hätten, aus der Bibel:

Hilf Gott, wie oft und in viel Landen haben sie ein Spiel wider Christum angericht, darüber sie verbrannt, erwürgt und verjagt sind... Aber Christus und die Seinen bleiben fröhlich in Gott, als sie dadurch bestätigt werden in ihrem Glauben...Also sie den Fluch im Geist anziehen als ein täglich Kleid, so lass sie auch ein öffentlich Schandkleid äußerlich tragen, damit sie vor aller Welt als meine Feinde erkannt und veracht werden ...

Zuvor hatte Luthers Gerichtspredigt die evangelischen Christen den Türken, Papisten und Juden als vom Teufel verführten „Gotteslästerern“ an die Seite gestellt, um sie die Solidarität der Sünder zu lehren: Nun argumentierte er immer stärker für die politische Unterdrückung der rabbinischen Lehre, die er als große Gefahr sah.

Die Gründe für diesen Umschwung hängen mit dem 1525 niedergeschlagenen Bauernkrieg und dem erfolgreichen Augsburger Reichstag zusammen: Seitdem war die Reformation zur Sache der protestantischen Landesfürsten und Luther ihr kirchenpolitischer Ratgeber geworden. So erklärte er, Moses habe den Juden das Erheben von Wucherzinsen erlaubt; den Christen aber sei dies verboten. Jedoch dürfe die Obrigkeit den Juden die Gewinne aus dem Wucherzins mit Gewalt wieder abnehmen. Denn Gottes Zorn habe sie den Völkern unterworfen. Auf dieser Linie rechtfertigte Luther die politische und kirchenrechtliche Unterdrückung der Juden.

In dem Maß, wie er die Lage der evangelischen Länder von außen wie innen bedroht sah, verschärfte sich seine Ablehnung: Im Sommer 1532 plädierte er noch für die Aufnahme taufwilliger Juden, im Herbst wollte er den nächsten Juden mit einem Stein um den Hals in der Elbe „taufen“. 1533 plädierte er noch für Duldung, 1536 schon für die Vertreibung der Juden, 1537 warnte er alle, Fürsten wie Privatleute, vor Geschäften mit ihnen.

Dabei spielte Luthers Disput mit drei gelehrten Rabbinern über Weissagungen der Bibel eine Rolle: Er begegnete der missionarischen Kraft ihres Messianismus, der nach den Vertreibungen des 15. Jahrhunderts damals unter Juden verbreitet war. Er glaubte, diesen genauso hart wie die „Schwärmer“ bekämpfen zu müssen, weil er in beiden die Gefahr gesetzlichen Zwanges für die Christen sah.

1538 schrieb er den Brief wider die Sabbather an einen guten Freund. Um Missionserfolge der Juden in Böhmen und Mähren abzuwehren, argumentierte er für eine christologische Einheit der Bibel: Das Alte Testament weise von sich aus immer deutlicher auf die Menschwerdung Gottes in seinem Messias hin, die die Juden leugneten. Dazu kam das alte patristische Argument, die Tempelzerstörung sei die Strafe für Israels Ablehnung Chrísti gewesen und beweise seine Verwerfung.

1544 schrieb er Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi: Darin machte er die Talmud-Exegese der Bibel lächerlich und griff dazu die antijüdische Hetze des Antonius Margaritha auf. Jüdische Feindseligkeit gegen Christus zeigten ihr Ketzerfluch im Achtzehnbittengebet und ihre Toledoth Jeschu, die Jesus als Zauberer und unehelich gezeugten Wechselbalg verunglimpften. Dagegen behauptete er, das Alte Testament habe nicht nur den Messias, sondern auch die Jungfrauengeburt vorhergesagt. Er versuchte wie Athanasius und Augustin, in Bibelstellen detailliert die Rede des Vaters, des Sohnes und des Geistes zu unterscheiden. Nur in seinem eigenen Wort sei Gottes dreifältige Wesenseinheit zu finden. Die Vernunft könne nicht einmal über die formale Existenz des Schöpfers adäquat urteilen, schon gar nicht über das Ende der Geschichte spekulieren.

Damit griff Luther die natürliche Theologie des Thomismus und der jüdischen Kabbala an. Dazu datierte er den Fristablauf der bei Daniel angekündigten 70 Jahrwochen auf Tod und Auferstehung Jesu. Die nachbiblische Geschichte des Judentums sei also seit 1.468 Jahren ohne jede Verheißung. So wollte er mittels jüdischer Bibelauslegung den jüdischen Glauben widerlegen. Diese berechnende Apologetik wertete aber unter der Hand die historische Exegese jüdischer Theologen wie Nikolaus von Lyra und Paul von Burgos auf, die Luther kannte. Hatten seine reformatorischen Frühschriften die Vernunft als gänzlich untauglich zur Erkenntnis Gottes dargestellt, so gab er ihr nun ein gewisses Eigenrecht zum Erweis der Messianität Jesu aus der Gesamtbibel. Hieran knüpfte die spätere lutherische Orthodoxie an.

1543 schrieb er Von den Juden und jren lügen, um Christen über die aus seiner Sicht falsche jüdische Theologie aufzuklären. Grundfehler der Juden sei ihr Glaube, dass ihre Erwählung sie bereits vor Gott rechtfertige. Aber alle Menschen seien Sünder und stünden unter Gottes Zorn. Mit dieser Bußpredigt verquickte er aber die traditionelle antijudaistische Polemik: Juden seien alle verstockt, blutdürstig, rachsüchtig, geldgierig, leibhaftige Teufel usw. Sie würden die christliche Jugend wider besseres Wissen verführen, auf einen anderen, rein weltlichen Christus zu warten.

Auch das Klischee des jüdischen Ausbeuters griff er auf:

Jawohl, sie halten uns (Christen) in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein (...) sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.

In Wahrheit waren die Juden meist die „Kammerknechte“ der „Junker“, für die sie arbeiten mussten, nicht deren heimliche Herren. Luthers Zerrbild appellierte an den Sozialneid der Bevölkerung: Nicht angeblicher Reichtum, sondern die „Verstocktheit“ und Missionserfolge der Juden unter Christen machten ihm Sorge. Darum forderte er eine „scharfe Barmherzigkeit“:

  • ihre Synagogen zu verbrennen,
  • ihre Häuser zu zerstören,
  • sie in Ställen unterzubringen,
  • ihre Bücher wegzunehmen,
  • ihren Rabbinern das Lehren,
  • ihren Händlern das Reisen,
  • ihren Geldverleihern das „Wucher“-Geschäft zu verbieten,
  • sie von den Straßen zu verbannen,
  • ihr Geld und ihren Schmuck einzuziehen als Staatsrücklage,
  • sie zu harter körperlicher Arbeit zu zwingen und
  • sie aus allen evangelischen Ländern auszuweisen.

Dieser harte Maßnahmenkatalog sollte die jüdische Religionsausübung unterbinden, nicht die Bevölkerung zu Pogromen aufhetzen. Luther verbot explizit, Juden zu verfluchen und persönlich anzugreifen. Er wandte sich an die Obrigkeit, die Gott zur Abwehr des Bösen eingesetzt habe, und forderte von ihr nun die Gewalt, die er 1523 noch abgelehnt hatte. Da er die jüdische Religion nicht neben dem Christentum anerkennen konnte, fand er keine theologische Lösung und suchte stattdessen eine politische. - Doch die evangelischen Fürsten konnten auf den jüdischen Wirtschaftsfaktor nicht ohne weiteres verzichten und setzten Luthers Forderungen nicht um. Nur der Kurfürst von Sachsen erließ ein Lehrverbot für Rabbiner.

Luthers Schrift bündelte die mittelalterliche Judenfeindschaft, sammelte und verstärkte sämtliche damals umlaufenden Klischees und überlieferte sie der Neuzeit. Er folgte darin dem Hauptstrom der christlichen Theologie, die Juden erst zu bekehren versuchte, dann ihre Verfolgung rechtfertigte und aktiv betrieb. Doch in seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 mahnte er erneut, sich um die Bekehrung der Juden zu bemühen: Damit relativierte er seine antijüdischen Forderungen. Der theologische Hintergrund jedoch blieb derselbe: Ohne das Evangelium gab es für ihn keine Erlösung, nur den Tod. So wollte Luther im Grunde auch die „verstockten“ Juden bis zuletzt für den Glauben an Jesus Christus gewinnen.


Luthers Aussagen mit Hinblick auf den Nationalsozialismus

Luthers Ablehnung des Judentums wird heute stärker ins Blickfeld gerückt und hinsichtlich ihrer Wirkungsgeschichte im Antisemitismus bis 1945 kontrovers diskutiert. Sicher ist: Diese Ablehnung entstand erst allmählich. In seiner Schrift Daß Jesus ein Geborner Jude Sei (1523) betonte Luther, dass Jesus aus Gottes Volk stammte. Er schloss Gewalt gegen Juden aus und sah ihre gesellschaftliche Isolierung als Hindernis, sie „zu bessern“, das heißt, zum wahren Glauben zu bekehren. Er hoffte, Juden nach erfolgter Reformation der Kirche eher zu Christen bekehren zu können.

Darin wurde er enttäuscht. Danach wandelte er sich zu einem ausgesprochenen Judenfeind, wie seine Spätschriften deutlich zeigen: Brief wider die Sabbather an einen guten Freund (1538), Von den jüden und iren lügen (1543) und Vom Schem Hamphoras und vom Geschlechte Christi (1544). Darin erklärte Luther die Juden wie den Teufel zum ärgsten Feind des Christentums und bezog sich dazu auch – zu Recht oder zu Unrecht, ist umstritten – auf antijüdische Aussagen des Neuen Testaments. So schrieb er 1543 unter anderem in Von den jüden und iren lügen:

Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.
Wenn ich könnte, wo würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren.
Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.

Darauf folgte ein Sieben-Punkte-Plan zum Umgang mit den Juden:

Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen.

Das wirkt heute wie ein Aufruf zu einigen der Maßnahmen, die später die Nationalsozialisten gegen Juden planten und vollzogen. Daher ist zu fragen, welches Ziel Luther damit verfolgte. Historiker weisen darauf hin, dass seine Schrift an evangelische Fürsten, nicht an die Bevölkerung gerichtet war. Luther betonte, er wolle nicht die Juden, nur ihre „Lügen“ - den jüdischen Glauben - angreifen. Er wollte erreichen, dass dieser auf keinen Fall weiter verbreitet werden konnte. Dazu verlangte er von den Fürsten strenge Unterdrückung und letztlich Vertreibung aller Juden aus ihren Territorien. Dem folgten diese jedoch – anders als im Bauernkrieg 1525 – nicht.

Ob diese Judenfeindschaft in Luthers Theologie angelegt war oder nur dem Zeitgeist folgte, ist umstritten. Es gab damals viele judenfeindliche Schriften; christlicher Antijudaismus im Mittelalter war die Regel. Luthers judenfeindliche Klischees unterschieden sich nicht von katholischer Tradition, aus der er sie übernahm; sie erhielten jedoch größeres theologisches Gewicht, wo sie mit seiner Lehre von Gesetz und Evangelium verknüpft wurden. Damit wies er dem Judentum die Rolle des verworfenen, nur unter Gottes Zorngericht stehenden Volkes zu.

Antisemiten im Kaiserreich wie Adolf Stöcker, später NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg und Julius Streicher, haben sich oft auf diese Schrift berufen und Luthers judenfeindliche Aussagen zur Rechtfertigung ihres Rassismus benutzt. Sie konnten den fatalen Satz Die Juden sind unser Unglück daraus herleiten: ...so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Viele Evangelische sahen die nationalsozialistische Rassenpolitik als Vollstreckung eines angeblich von Luther gewollten Deutschchristentums. Dabei ignorierten sie stets, dass Israel für Luther immer Gottes Volk geblieben war und er in seiner letzten Predigt nochmals die Bekehrung, nicht die Ermordung der Juden angemahnt hatte.



Inzwischen haben einzelne Landeskirchen Schuldbekenntnisse verabschiedet, die sich auch von judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers distanzieren.
 
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